Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!
Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!
Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!

Gloria Mark: Attention Span

N/A

 

Jetzt bei Amazon ansehen!*


Die Top 100 besten Sachbücher und Ratgeber (Liste)


Über die Autorin (Gloria Mark)

Gloria Mark ist Psychologin und Expertin für Mensch-Maschine-Interaktion an der University of California. Sie untersucht, wie Wissensarbeiter mit Computern und Smartphones umgehen.

Von ihren Probanden hört sie immer wieder die gleichen Klagen: Es ist schwer, bei der Arbeit am Computer konzentriert zu bleiben. Man fühlt sich schnell erschöpft und überarbeitet.

Warum das so ist (und was dagegen hilft) erfahren wir in ihrem Buch Attention Span – A Groundbreaking Way to Restore Balance, Happieness and Productivity*, das im Jahr 2023 erschien und derzeit leider nur in englischer Sprache verfügbar ist.

Zusammenfassung

Einleitung

Wir Menschen haben eine enge Beziehung zu unseren Geräten entwickelt. Es ist ein neues Verhalten entstanden, bei dem unsere Aufmerksamkeit schnell zwischen verschiedenen Anwendungen und Geräten hin und her wechselt.

Den Grund dafür hat der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1978, Herbert Simon, schon vor Jahrzehnten erkannt und auf den Punkt gebracht:

»Ein Überfluss an Information schafft eine Knappheit an Aufmerksamkeit und die Notwendigkeit, diese Aufmerksamkeit effizient zu verteilen.«

Die schnellen Aufmerksamkeitswechsel, für die Gloria Mark den Begriff »kinetische Aufmerksamkeit« geprägt hat, sind unsere Anpassung an die steigende Informationsflut.

Doch unsere Lösung hat ihren Preis: Unser Umgang mit den Geräten verursacht Stress und Erschöpfung und beeinträchtigt unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein.

(Die WHO hat Stress als die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhundert identifiziert.)

Die Autorin räumt mit vier verbreiteten Mythen auf:

  1. Mythos: Wir sollten bei der Arbeit immer konzentriert sein, um möglichst produktiv zu sein. In Wahrheit sind wir nicht dafür geschaffen, uns ständig zu konzentrieren. Ununterbrochene Aufmerksamkeit führt zu Stress. Außerdem unterliegt unsere Aufmerksamkeit von Natur aus rhythmischen Schwankungen.
  2. Mythos: Bei der Arbeit am Computer sollten wir uns in einem Flow-Zustand befinden. Ein Flow-Zustand ist zwar wünschenswert, aber im Alltag eines Wissensarbeiters nur schwer zu erreichen. Es liegt an der Art unserer Arbeit.
  3. Mythos: Wenn wir abgelenkt und/oder unterbrochen werden, dann liegt das an Geräte-Benachrichtigungen und/oder mangelnder Disziplin. In Wirklichkeit gibt es sehr viel mehr Faktoren, die uns beeinflussen.
  4. Mythos: Games, Social Media, Surfen und Co. sind immer sinnlos und reine Zeitverschwendung. Tatsächlich können wir diese Aktivitäten nutzen, um unsere Stimmung aufzubessern und unsere erschöpften kognitiven Ressourcen zu regenerieren. Beides wirkt sich positiv auf unsere Produktivität aus.

Wohlbefinden statt Produktivität

Während die Gurus ununterbrochene Produktivität predigen, schlägt Gloria Mark einen Paradigmenwechsel vor. Nicht maximale Produktivität, sondern maximales Wohlbefinden sollte unser oberstes Ziel sein. Die Produktivität kommt dann von selbst. Manche Ziele lassen sich eben leichter über Umwege erreichen.

Es gibt drei Zustände der Aufmerksamkeit, die wir ausbalancieren sollten:

  1. Fokussierte Aufmerksamkeit
  2. Routinearbeit
  3. Langeweile

Teil 1 – Die Anatomie der Aufmerksamkeit

Die Autorin erklärt, dass die meisten Menschen nicht einmal im Ansatz wissen, wie (ihre) Aufmerksamkeit funktioniert. Im ersten Teil des Buches gibt sie darum einen Einführungskurs in die Anatomie der Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeitsnetzwerke

In unserem Gehirn gibt es kein Zentrum für Aufmerksamkeit, sondern drei Aufmerksamkeitsnetzwerke, an denen viele verschiedene Gehirnbereiche beteiligt sind.

  1. Das Alerting-Netzwerk dient dazu, unsere Wachsamkeit aufrechtzuerhalten.
  2. Das Orienting-Netzwerk dient dazu, Prioritäten zu setzen und Reize auszuwählen, auf die wir uns konzentrieren.
  3. Die exekutive Kontrolle blendet Ablenkungen und Störungen aus.

Exekutive Funktionen

Wenn wir uns bemühen, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren und unsere Ziele zu verfolgen, nutzen wir dazu eine Reihe von mentalen Prozessen, die als exekutive Funktionen bezeichnet werden und mit einem Regisseurs verglichen werden können. Dazu zählen:

  • Ziele setzen
  • Prioritäten setzen
  • Die Aufgabe wechseln
  • Entscheidungsfindung
  • Bewusste Aufmerksamkeitssteuerung
  • Nutzung des sogenannten Arbeitsgedächtnisses
  • Selbstkontrolle

Die Autorin erklärt, dass der Regisseur mit einfachen Aufgaben gut zurechtkommt, aber bei schwierigen Aufgaben schnell an seine Grenzen stößt. Wenn wir bei einer Aufgabe unterbrochen werden und/oder versuchen, mehrere Aufgaben parallel zu bewältigen, fällt es dem Regisseur schwer, unsere Ziele im Auge zu behalten. Die Folge sind Leistungseinbußen.

Unsere Geräte stellen besonders große Herausforderungen für den Regisseur dar.

Das liegt einerseits daran, dass die Displays oft zahlreiche Hinweisreize wie Browser-Tabs, Social-Media-Icons und Benachrichtigungen anzeigen. Dazu kommt, dass die Möglichkeit besteht, mit wenigen Klicks auf ein riesiges Reservoir an Informationen zuzugreifen. Darum sind unsere exekutiven Funktionen – genau gesagt: unsere Selbstkontrolle – permanent damit beschäftigt, alternative Handlungsoptionen zu unterdrücken. Das kostet sehr viel Energie.

Kognitive Ressourcen

Nach der Theorie der begrenzten kognitiven Ressourcen verfügt unser Geist über einen allgemeinen Pool an kognitiven Ressourcen. Die Menge an Aufmerksamkeit, die uns zur Verarbeitung von Informationen zur Verfügung steht, ist begrenzt. Wenn unsere exekutiven Funktionen im Dauereinsatz sind, nimmt unsere Leistungsfähigkeit mit der Zeit immer mehr ab. Wenn die Ressourcen aufgebraucht sind, fühlen wir uns erschöpft und machen Fehler.

Die Autorin mutmaßt, dass die mentale Anstrengung, die wir subjektiv erleben, genau der Beanspruchung unserer kognitiven Ressourcen entspricht.

Für die verschiedenen Sinne (Sehen, Hören usw.) scheint es jeweils eigene Pools an kognitiven Ressourcen zu geben, die voneinander unabhängig sind. Darum lenken uns beim Zuhören insbesondere Geräusche ab, während uns visuelle Ablenkungen beim Lesen stören.

Wenn wir zwischen Aufgaben hin- und herwechseln, erschöpfen unsere kognitiven Ressourcen besonders schnell. Das liegt am mentalen Umschalten. Das Gehirn repräsentiert die jeweils aktuelle Aufgabe intern als sogenanntes Schema. Und bei jedem Aufgabenwechsel muss die interne Repräsentation umgestellt werden.

Wenn unsere exekutiven Funktionen gerade im Einsatz sind, können unsere erschöpften kognitiven Ressourcen nicht regeneriert werden. Um die Akkus wieder aufzuladen, müssen wir die Maschine anhalten.

Bestimmte Aktivitäten können die Regeneration unterstützen. Die folgenden dürften allgemein bekannt sein:

  • Erholsame Auszeiten (Wochenenden, Urlaube) mit ausreichend viel REM-Schlaf.
  • Indem wir uns psychologisch von einer stressigen Situation lösen.
  • Bewegung in der Natur. Bewegung und in der Natur verbrachte Zeit unterstützen die Regeneration unabhängig voneinander. Die Kombination ist daher besonders vorteilhaft.

Dass wir unsere kognitiven Akkus auch mit einfachen Spielen am Computer oder Smartphone regenerieren können, dürfte den Erwartungen der meisten Menschen widersprechen.

Kinetische Aufmerksamkeit

Seit einigen Jahren neigen wir Menschen vermehrt dazu, unsere Aufmerksamkeit schnell zwischen verschiedenen Geräten, Medien und Anwendungen hin- und herwandern zu lassen. Gloria Mark hat dafür den Ausdruck »kinetische Aufmerksamkeit« geprägt.

Wie schon gesagt, kann das Phänomen als Anpassung an die Fülle an Informationen und Ablenkungen durch digitale Medien verstanden werden. Zu den Nebenwirkungen zählen Stress, Müdigkeit, schlechte Leistung und Burnout.

Was Konzentration so schwierig macht

Warum fällt es so schwer, sich am Computer oder Smartphone zu konzentrieren?

Um das zu verstehen, müssen wir die beiden grundverschiedenen Arten der Aufmerksamkeitskontrolle betrachten.

  • Bei der kontrollierten Verarbeitung, die auch als endogene oder top-down Aufmerksamkeit bezeichnet wird, unterliegt der Aufmerksamkeitsfokus unserer willentlichen Kontrolle.
  • Bei der reizgesteuerten Verarbeitung (auch: exogene oder bottom-up Aufmerksamkeit) reagiert unser Aufmerksamkeitsfokus automatisch auf einen externen Reiz.

Dass wir in Gegenwart unserer Geräte Konzentrationsprobleme haben, liegt daran, dass von ihnen viele Reize ausgehen, die bottom-up-Aufmerksamkeit auslösen.

Wenn wir diese Fremdbestimmung über unsere Aufmerksamkeit willentlich unterdrücken, müssen wir dafür mit einem Teil unserer kognitiven Ressourcen bezahlen. Und wenn der kognitive Akku leer ist, sind wir den Reizen schutzlos ausgeliefert.

Gloria Mark erklärt, dass wir im Alltag ständig zwischen kontrollierter und reizgesteuerter Kontrolle verhandeln. Je mehr ablenkenden Reizen wir ausgesetzt sind, desto schwieriger ist es, den Aufmerksamkeitsfokus zu kontrollieren, und desto schneller sind die kognitiven Ressourcen aufgebraucht.

Aufmerksamkeitsfallen

Die Autorin hat einige verbreitete Verhaltensmuster identifiziert, die zur Folge haben, dass wir die Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit verlieren:

  1. Framing-Fehler. Einen solchen begehen wir, wenn wir eine für unser Primärziel ungünstige Handlungsoption gedanklich positiver darstellen, als sie in Wahrheit ist.
  2. Geist auf Wanderschaft. Wenn unser Geist abschweift, richtet sich unsere Aufmerksamkeit meist nach innen, d.h. auf unsere Gedächtnisinhalte. Unsere Gedanken springen dann von Assoziation zu Assoziation. Wir befinden uns 25-50 Prozent unserer wachen Zeit in diesem Zustand, der Mind-Wandering genannt wird und völlig normal ist. Da unser Gedächtnis und das Internet ähnlich strukturiert sind, kann unser Geist auch im Internet auf Wanderschaft gehen. Mit bestimmten Meditationstechniken können wir lernen, das Abschweifen zu bemerken und den Geist wieder einzufangen.
  3. Routineaufmerksamkeit. Routinetätigkeiten wie Games und Social Media machen uns glücklich, da wir unmittelbare Belohnungen erhalten. Wir können sie darum einsetzen, um unsere kognitiven Ressourcen aufzuladen. Doch dabei vergessen wir leicht die Zeit und verlieren alle anderen, wichtigeren Aufgaben aus den Augen.
  4. Die Social-Media-Falle. Als soziale Wesen, die nach Verbundenheit und sozialem Kapital streben, werden wir von Chats und Social Media angezogen. Tatsächlich lassen sich unsere erschöpften kognitiven Ressourcen auf diese Weise regenerieren. Jedoch neigen wir dazu, den Nutzen zu überschätzen und den Zeitaufwand zu unterschätzen.
  5. Die Identitätsfalle. Die Aufrechterhaltung der eigenen Identität ist ein starkes menschliches Bedürfnis. Vor allem junge Menschen investieren sehr viel Zeit in die Gestaltung und Pflege ihrer Online-Profile. Sie neigen dazu, dem Erstellen neuer Beiträge eine höhere Priorität einzuräumen als den wichtigen Dingen des realen Lebens (Arbeit, Studium etc.).
  6. Versunkene Kosten. Wenn wir bereits viel Zeit, Geld und/oder andere Ressourcen in etwas investiert haben, dann wollen wir diese Sache ungern aufgeben. Die Entwickler von Gaming-Apps machen sich diese Sunk Cost Fallacy zunutze. Darum besteht, die Gefahr, dass wir viel zu viel Zeit mit Spielen verbringen, die uns bis zu einem gewissen Grad dabei helfen können, unsere erschöpften kognitiven Ressourcen zu regenerieren.

Aufmerksamkeitszustände verstehen

Viele Menschen glauben, dass sie die volle Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit haben. Sie gehen davon aus, dass sie ihren Fokus auf Basis von inneren Faktoren wie Vorlieben, Prioritäten und ihrem Bedarf an Ressourcen willentlich steuern.

Die Autorin macht deutlich, dass das ein Irrglaube ist.

Kein Mensch existiert in einem Vakuum. Wir sind in eine soziale, kulturelle und technische Umwelt eingebettet, die unsere Aufmerksamkeit und unser Verhalten beeinflusst.

Individuen neigen in unterschiedlichem Maße dazu, sich in äußere Reize zu vertiefen. Es handelt sich um ein individuelles Persönlichkeitsmerkmal, das gemessen werden kann. Frauen erzielen signifikant höhere Werte auf der Tellegen Absorption Scale (TAS) als Männer.

Die Autorin kommt auf den Flow-Zustand zu sprechen, der von dem ungarischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi benannt und erforscht wurde. Sie erklärt, dass die ausgeübte Tätigkeit darüber entscheidet, ob wir Flow erleben oder nicht.

Nur bei Tätigkeiten, die von sich aus kreativ und herausfordernd sind, kommen wir leicht in den Flow. Mit Ausnahme von Programmierern erleben Wissensarbeiter nur selten einen Flow-Zustand. Es liegt nicht an ihnen, sondern an der Natur der Wissensarbeit.

Darum sollten wir als Wissensarbeiter nicht Flow, sondern ein Gefühl von Ausgeglichenheit und Wohlbefinden anstreben. Das erreichen wir, indem wir in Einklang mit den natürlichen Rhythmen unserer Aufmerksamkeitszustände arbeiten.

Gloria Marks Modell der Aufmerksamkeitszustände

Die Autorin schlägt ein zweidimensionales Modell der Aufmerksamkeit vor, das die Zustände unserer Aufmerksamkeit danach klassifiziert, wie vertieft (engaged) wir in die aktuelle Tätigkeit sind und wie herausfordernd (challenging) diese Tätigkeit ist.

Demnach gibt es vier Aufmerksamkeitszustände, zwischen denen wir im Laufe des Tages und in Abhängigkeit unserer Aufgaben und Ziele hin- und herschwanken:

  1. Im Zustand Fokus sind wir vertieft und herausgefordert. Die Aufrechterhaltung dieses Aufmerksamkeitszustandes kostet uns viele kognitive Ressourcen.
  2. Im Zustand Routine sind wir vertieft, aber nicht herausgefordert. In diesem Aufmerksamkeitszustand verbrauchen wir kaum kognitive Ressourcen, weshalb wir ihn stundenlang aufrechterhalten können.
  3. Im Zustand Langeweile sind wir weder vertieft noch herausgefordert. Da wir in diesem Aufmerksamkeitszustand besonders anfällig für Ablenkungen sind, ist es schwierig, ihn über längere Zeit aufrechtzuerhalten.
  4. Im Zustand Frustration sind wir nicht vertieft, aber herausgefordert. Wir benötigen viele kognitive Ressourcen, um diesen Aufmerksamkeitszustand aufrechtzuerhalten.

Die Autorin erklärt, dass Aufmerksamkeit immer zielgerichtet ist. Wenn wir uns in den Zuständen Langeweile oder Routine befindet, haben wir jedoch nur ein schwaches oder gar kein Ziel. Darum neigen wir in diesen Zuständen im besonderen Maße dazu, uns von attraktiveren Tätigkeiten wie Social Media oder Face-to-Face-Interaktionen ablenken und unterbrechen zu lassen.

Aufmerksamkeitszustände im Zeitverlauf

Gloria Mark und ihr Team haben untersucht, wann bei Wissensarbeitern welcher Aufmerksamkeitszustand dominiert.

Über alle Berufe hinweg ergab sich folgendes Bild:

  • Fokus: Maximum um 11 Uhr und 15 Uhr.
  • Routine: Anstieg ab 9 Uhr, hohes Niveau bis 14 Uhr, dann Rückgang.
  • Langeweile: Höhepunkt gegen 13 Uhr (direkt nach dem Mittagessen).

Die tageszeitlichen Schwankungen von Frustration konnten nicht gemessen werden, da dieser Aufmerksamkeitszustand bei den untersuchten Personen kaum vorkam.

Die nächste Forschungsfrage lautete: Welche Schwankungen weist die Gerätenutzung im Laufe eines Arbeitstages auf?

Gegen 10 Uhr und 14 Uhr waren die Menschen meist mit ihren Posteingängen oder mit Office-Programmen wie Word, Excel, PowerPoint und Co. beschäftigt. Fernkommunikation, Websuche und Social Media unterlagen keinen zeitlichen Schwankungen.

Indem sie die Schwankungen der Aufmerksamkeit mit den Schwankungen der Gerätenutzung kombinierte, gelangte die Autorin zu diesen Erkenntnissen:

  • Wenn Wissensarbeiter E-Mails bearbeiten oder mit Office-Programmen hantieren, scheinen sie fokussiert zu sein.
  • Wenn sie im Internet surfen oder häufig/schnell zwischen verschiedenen Apps und Fenstern hin- und herwechseln, scheinen sie gelangweilt zu sein.
  • Wenn sie auf Social Media unterwegs sind, sind sie entweder gelangweilt oder im Zustand der routinierten Aufmerksamkeit, aber nicht im Zustand der fokussierten Aufmerksamkeit.

Auf wöchentlicher Basis offenbarten sich ebenfalls charakteristische Schwankungen:

  • Montags waren die Menschen am fokussiertesten.
  • Dienstags waren sie am wenigsten fokussiert.
  • Mittwochs waren sie wieder etwas fokussierter.
  • Donnerstags fanden die meisten Routineaktivitäten statt.
  • Freitags waren sie wieder etwas fokussierter.

Die Autorin schlussfolgert: Im Laufe eines Arbeitstages scheint unsere Aufmerksamkeit vom Niveau unserer kognitiven Ressourcen beeinflusst zu sein. Und das Niveau unserer kognitiven Ressourcen hängt von diesen Faktoren ab:

  • Zirkadianer Rhythmus.
  • Zeit, die seit dem Aufwachen vergangen ist.
  • Hormone (wird derzeit noch untersucht).

Außerdem könnten psychologische Effekte eine Rolle spielen.

Die Autorin stellt noch einmal klar, dass nicht nur Fokus, sondern auch Routine und Langeweile einen Wert und Zweck haben – sie spielen eine entscheidende Rolle für unser Wohlbefinden.

Die Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit zu haben, bedeutet, dass man sich des aktuellen Ressourcenniveaus bewusst ist und auf ein Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Regeneration achtet.

Warum, wann und wie wir multitasken

Monochronie bedeutet, dass man es vorzieht, eine Aufgabe zu beenden, bevor man mit der nächsten beginnt.

Polychronie bedeutet, dass man lieber mit mehreren Aufgaben gleichzeitig jongliert.

Menschen, die zu Polychronie neigen, sind meist gebildeter, arbeiten länger und sind flexibler in ihren Plänen. Hingegen haben die monochronen Typen eher das Gefühl, zu viel zu tun und zu wenig Zeit zu haben. Die meisten Menschen sind irgendwo in der Mitte angesiedelt.

Unsere Jobs verlangen uns eine polychrone Arbeitsweise ab. Somit sind die monochronen Typen unter den Wissensarbeitern gezwungen, entgegen ihren Präferenzen zu handeln.

Die Autorin erklärt, dass Aufgabenwechsel mit Vor- und Nachteilen verbunden sind. Nur bei zu häufigen Aufgabenwechseln überwiegen die Nachteile in Form von Stress, Zeitverlust und Leistungseinbußen.

Ein sehr kleiner Prozentsatz der Menschen sind sogenannte »Supertasker«, die ohne kognitive Beeinträchtigung zwischen Aufgaben hin- und herwechseln können. Diese Fähigkeit wird auf eine besonders effiziente Nutzung bestimmter Gehirnregionen zurückgeführt.

Die Autorin erklärt, dass es verschiedene Arten von Multitasking gibt: Wir können von Projekt zu Projekt, von Aufgabe zu Aufgabe und – innerhalb einer Aufgabe – von einer breiten zu einer feinkörnigen Sichtweise wechseln (und umgekehrt).

Bei allen diesen Wechseln ändert sich das Ziel unserer Aufmerksamkeit.

Die Zeit, die unsere Aufmerksamkeit bei einem bestimmten Ziel verweilt, bezeichnet man als Aufmerksamkeitsspanne. Im Zeitraum 2004 bis 2016 nahm der Median der Aufmerksamkeitsspanne von 2,5 Minuten auf 40 Sekunden ab. (Diese Zahlen gelten für alle Berufe, wobei nur die Aktivität am Computer berücksichtigt wurde.)

Im gleichen Zeitraum stieg die Zeit, die Wissensarbeiter mit der Bearbeitung von E-Mails beschäftigt sind, von 47 auf 83 Minuten pro Tag.

Gloria Mark und ihr Team fragten die Studienteilnehmer nach den Gründen für ihre häufigen Aufmerksamkeitswechsel. Zu den häufigsten Antworten zählten:

  • Gewohnheit.
  • Langeweile.
  • Überforderung.
  • Vermeidung.
  • Der Drang, jemanden zu kontaktieren.

Die Teilnehmer sprachen von einem Arbeitsmodus und einem Ablenkungsmodus.

Sie beschrieben, wie sie bei der Arbeit abschweifen und immer tiefer in einen Kaninchenbau geraten.

Sie erklärten, dass sie sich nicht bewusst sind, wann sie in den Modus der schnellen Aufmerksamkeitsverlagerung gerate – bis sie irgendwann feststellten, dass sie dies schon seit einiger Zeit tun.

Die Autorin erklärt, dass die schnelle Verschiebung der Aufmerksamkeit unsere Fähigkeit zur Informationsverarbeitung beeinträchtigt. Und wenn der aktuelle Inhalt nicht fesselnd ist, kommt es zu dem, was die Forscherin Sophie Leroy als »Aufmerksamkeitsrückstände« bezeichnet.

Auch Emotionen können einen Rückstand hinterlassen.

Büroarbeiter verbringen einen immer größeren Teil ihrer Arbeitszeit an ihrem Schreibtisch. Im Jahr 2019 lang der Wert bei 90 Prozent. Im Jahr 2004 hatte der Wert noch bei 52 Prozent gelegen und im Zeitraum 1960-1980 bei nur 28-35 Prozent.

Ein Großteil der Arbeit, die früher in persönlichen Besprechungen in Konferenzräumen oder Büros von Kollegen erledigt wurde, wird heute am Telefon oder Computer erledigt. Darum gibt es im Arbeitsalltag von Büroarbeitern immer weniger natürliche Pausen.

Die Autorin warnt, dass wir die Fähigkeit verlieren, uns zwischen den Aufgaben zu erholen.

Im Durchschnitt bearbeiten Büroarbeiter 12 verschiedene Projekte pro Tag, wobei sie 10,5 Minuten bei einem Projekt verweilen. Alle 12 Minuten kommt es zu einer Unterbrechung, die mindestens zwei Minuten dauert.

77,2 Prozent der unterbrochenen Arbeiten werden noch am selben Tag wieder aufgenommen. Jedoch lassen die Menschen durchschnittlich 25 Minuten und 26 Sekunden verstreichen, ehe sie eine unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen.

Das liegt daran, dass sie nicht sofort zu der unterbrochenen Aufgabe zurückkehren, sondern in der Zwischenzeit an durchschnittlich 2,26 anderen unterbrochenen Aufgaben arbeiten.

Aufgrund von Wechselkosten (Switching Costs) hat Multitasking viele Nachteile:

  • Bei jedem Aufgabenwechsel muss das Schema der neuen Aufgabe aus dem Langzeitgedächtnis geladen werden. Das kostet umso mehr kognitive Ressourcen, je mehr Zeit seit dem letzten Zugriff auf die entsprechenden Gedächtnisinhalte vergangen ist.
  • Aufgrund von Aufmerksamkeitsrückständen steigt die Gefahr, dass wir Fehler machen.
  • Wenn wir noch über die alte Aufgabe nachdenken, während wir bereits an der neuen Aufgabe arbeiten, verbrauchen wir zusätzliche kognitive Ressourcen.
  • Unerledigte Aufgaben verursachen Stress.

Unter dem Strich leidet unsere Produktivität umso mehr, je häufiger wir unseren Aufmerksamkeitsfokus verschieben. Dabei steigt unsere empfundene Arbeitsbelastung.

Neben den vielen Nachteilen können Unterbrechungen auch einige Vorteile haben:

  • Unterbrechungen können uns eine Regenerationspause verschaffen.
  • Unterbrechungen können uns mit anderen Menschen in Kontakt bringen.
  • Unterbrechungen können uns auf neue Ideen bringen.

Die Spannung der unterbrochenen Aufgaben

Die sowjetische Psychologin Bluma Zeigarnik hat nachgewiesen, dass wir uns an unterbrochene Aufgaben besser erinnern als an Aufgaben, die wir abgeschlossen haben.

Wenn wir bei einer Aufgabe unterbrochen werden, verbleiben wir in einem Spannungszustand, der uns immer wieder daran erinnert, zu der unterbrochenen Aufgabe zurückzukehren.

Externe und interne Unterbrechungen

Die meisten Menschen glauben, dass es externe Auslöser wie andere Menschen oder Geräte-Benachrichtigungen sind, die meisten Unterbrechungen verursachen. Sie irren sich!

Zu den überraschendsten Forschungsergebnissen der Autorin zählt, dass wir rund die Hälfte aller Unterbrechungen selbst herbeiführen. Und in den meisten Fällen hat unser Drang zur Selbstunterbrechung weder mit unserer aktuellen Aufgabe noch mit unserer Arbeit zu tun.

Zu den häufigsten Gründen für Selbstunterbrechung zählen:

  • Der Drang, die Umgebung zu verändern.
  • Der Drang, produktiver zu sein.
  • Der Drang, etwas weniger Langweiliges zu tun.
  • Das Bedürfnis, nach Informationen zu suchen.
  • Der Drang, etwas zu tun, was getan werden muss.
  • Der Drang, Zeit zu gewinnen.
  • Gewohnheit.

In Bezug auf die Häufigkeit unserer Selbstunterbrechungen hat Gloria Mark ein interessantes Muster festgestellt: Wenn die Häufigkeit der externen Unterbrechungen zu- oder abnehmen, dann folgt die Häufigkeit der Selbstunterbrechungen in der darauffolgenden Stunde einem ähnlichen Muster. Mit anderen Worten: Die externen Unterbrechungen sagen die Selbstunterbrechungen voraus. Der Grund scheint Konditionierung zu sein.

Selbstunterbrechungen können uns dabei helfen, Stress zu bewältigen. Zugleich können sie aber auch weiteren Stress verursachen. Denn wenn wir häufig unterbrochen werden, neigen wir dazu, anschließend schneller zu arbeiten, um den Zeitverlust auszugleichen. Und dabei erleben wir eine höhere geistigen Arbeitsbelastung, Frustration, Zeitdruck, Anstrengung und Stress.

Der häufigste Unterbrechungsgrund sind E-Mails.

Wissensarbeiter neigen dazu, in kurzen Abständen in ihren Posteingang zu schauen – meist aus einem internen Impuls heraus, d.h. ohne externen Auslöser. Die Teilnehmer einer Studie taten es durchschnittlich 77-mal am Tag.

(Aktive Facebook-Nutzer checken ihren Facebook-Account durchschnittlich 38-mal am Tag.)

Der Autorin gelang es, ein Unternehmen für ein Experiment zu gewinnen: Eine ganze Woche lang waren E-Mails tabu. In dieser Zeit war die Aufmerksamkeitsspanne der Büroarbeiter deutlich länger und sie waren weniger gestresst. Außerdem fanden mehr persönliche Gespräche statt, und die Studienteilnehmer gaben an, dass sie ihr soziales Leben bei der Arbeit mehr genossen.

(Die Studie wurde 2012 veröffentlicht)

Aufgrund dieser Ergebnisse empfahl die Autorin, E-Mails nur noch dreimal täglich batchweise zu versenden. Leider zeigten Folgestudien, dass die Büroarbeiter mit dieser Strategie nicht weniger gestresst waren. Personen mit hohen Werten bei Neurotizismus waren sogar noch gestresster.

Aus bisher unbekannten Gründen scheinen Frauen im Durchschnitt fokussierter und resilienter gegenüber Unterbrechungen zu sein.

Die Kontrolle über Unterbrechungen erlangen

Gloria Mark erklärt, dass wir unsere Produktivität steigern und unser Wohlbefinden verbessern können, indem wir (externe) Unterbrechungen kontrollieren.

Sie rät zu folgenden Maßnahmen:

  • Wir sollten darauf achten, dass wir nicht während, sondern zwischen den Aufgaben unterbrochen werden.
  • Falls es doch mal während einer Aufgabe zu einer Unterbrechung kommt, kann es helfen, die Erinnerung an die unerledigte Aufgabe zu externalisieren, d.h. aufzuschreiben.

In diesem Zusammenhang beschreibt die Autorin ein interessantes Experiment, für das die Versuchspersonen in zwei Gruppe eingeteilt wurden.

  • Gruppe A sollte alle unerledigten Aufgaben notieren.
  • Gruppe B sollte alle erledigten Aufgaben notieren.

Die Personen aus Gruppe A konnten am Abend schneller einschlafen als Personen aus Gruppe B.

Teil 2 – Die Kräfte, die der Ablenkung unterliegen

Warum versacken wir im Internet?

Es liegt an der Struktur des Internets, die der unseres Gedächtnisses ähnelt.

Unser Gedächtnis ist als Netzwerk miteinander verbundener Konzepte organisiert.

Sinnesreize und Erinnerungen regen Gedanken an verwandte Assoziationen an. Wenn unsere Gedanken von einer Assoziation zur nächsten springen, spricht man von »Mind-Wandering«. Studien zufolge verbringen wir 47 Prozent unserer wachen Zeit in diesem Zustand.

Wenn wir im Internet unterwegs sind, passiert etwas Ähnliches. Die Websites, die wir besuchen, wecken Assoziationen in unserem Gedächtnis. Und wenn wir in dem Moment kein klar definiertes Ziel verfolgen, neigen wir dazu, auf Links zu klicken, die uns zu weiteren Websites führen. So geraten wir immer tiefer in den Kaninchenbau.

Die Autorin erklärt, dass Neugier dabei eine entscheidende Rolle spielt. Denn wir fühlen uns zu Informationen hingezogen, die unsere Neugier zu befriedigen versprechen. Dabei handeln wir manchmal impulsiv.

Sowohl beim Mind-Wandering als auch beim Internetsurfen sind wir uns (häufig) nicht bewusst, dass wir gerade abschweifen. Wir sind so sehr in Gedanken, dass wir nicht bemerken, dass wir in einer Falle stecken.

Um einer solchen Falle zu entkommen, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Wir müssen uns unseres Verhaltens bewusst sein.
  2. Wir müssen motiviert sein, unser Verhalten zu ändern.
  3. Wir brauchen einen gewissen Vorrat an kognitiven Ressourcen, um den Impulsen zum Anklicken von Links widerstehen zu können.

Wie wir von Algorithmen und KI manipuliert werden

Im Kampf um unsere Aufmerksamkeit setzen die Internetkonzerne Algorithmen ein, die auf Psychometrie basieren – sie messen unser Verhalten, unsere (politische) Einstellung und unsere Persönlichkeit. Während wir im Internet surfen, surft das Internet in uns.

Ihr Ziel ist es, unsere automatische bottom-up Aufmerksamkeit zu erregen. Zu diesem Zweck sprechen sie unsere Basisemotionen wie Freude, Überraschung, Angst und Wut an, die durch entsprechende Reize spontan und ohne bewusste kognitive Verarbeitung aktiviert werden.

Soziale Benachrichtigungen (»Ein Freund hat gerade …«) nutzen unsere Neugier aus.

Wenn wir gerade wenig kognitive Ressourcen zur Verfügung haben und/oder sich unsere Aufmerksamkeit im Zustand Langeweile oder Routine befindet, klicken wir impulsiv auf die entsprechenden Links.

Warum wir an TikTok kleben

Da TikTok-Videos ausgesprochen kurz sind (die viralsten Videos haben eine Länge von 9-15 Sekunden), weshalb wir viele davon hintereinander anschauen, lernt der TikTok-Algorithmus in kürzester Zeit sehr viel über uns und unsere Vorlieben.

Die Autorin erklärt, dass die erfolgreichsten TikTok-Videos komprimierten Versionen eines Films gleichen. Sie enthalten eine Einleitung, einen Spannungsbogen und einen Höhepunkt.

Und in den letzten 1-2 Sekunden gibt es häufig noch eine unerwartete Wendung, die uns zum Lachen oder Staunen bringt. So werden wir darauf konditioniert, weitere Videos anzuschauen und immer wieder zu TikTok zurückzukehren.

Da Lachen Stress abbaut, ist TikTok nicht per se schlecht. Aber die Gefahr ist groß, dass wir viel mehr Zeit dort verbringen, als nötig und gut für uns wäre.

Unsere soziale Natur bestimmt unser digitales Verhalten

Die Autorin erklärt, dass Kommunikationsmedien wie E-Mail und SMS soziale Systeme sind, für die es Verhaltenskonventionen gibt. Zum Beispiel wird erwartet, dass E-Mails zeitnah beantwortet werden.

Und wenn wir mit anderen interagieren, dann erwarten wir soziale Belohnungen wie Status, Freundschaft und Ressourcen.

In sozialen Systemen gibt es auch eine soziale Dynamik, d.h. wir beeinflussen uns gegenseitig in unserem Verhalten. Wie das Experiment von Asch gezeigt hat, kann der Einfluss der anderen so stark sein, dass wir entgegen jeglicher Vernunft handeln.

Wenn wir verstehen wollen, warum wir uns häufig selbst ablenken und unterbrechen, müssen wir die Welt durch diese Brille betrachten.

Im Alter von 16-17 Jahren befinden wir uns am Maximum unsere Beeinflussbarkeit. Insbesondere junge Menschen unterbrechen sich daher bereitwillig selbst, um sich soziale Belohnungen in Form von Likes, Shares und Kommentaren auf Social Media zu verschaffen.

Außerdem investieren sie viel Zeit und Aufmerksamkeit in den Aufbau ihrer Online-Identität.

Die Wirtschaft des sozialen Kapitals

Uns Menschen eint das grundlegende Bedürfnis, durch die Interaktion mit anderen sogenanntes soziales Kapital zu gewinnen. Soziales Kapital hilft uns dabei, Beziehungen zu knüpfen, aufrechtzuerhalten und auszubauen.

Das Internet kann als Marktplatz des sozialen Kapitals betrachtet werden.

Unser Hunger nach sozialem Kapitel lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die sozialen Medien und sorgt dafür, dass wir wachsam sind und auf Nachrichten von Menschen reagieren, von denen wir uns soziales Kapitel in Form von Freundschaft, Informationen oder sozialen Verbindungen versprechen.

Der Soziologe Robert Putnam unterscheidet zwei Arten des sozialen Kapitals:

  • Bindendes soziales Kapital, bei dem die emotionale Unterstützung im Vordergrund steht.
  • Überbrückendes soziales Kapital, durch das wir Zugang zu Informationen erhalten.

Das Anhäufen von überbrückendem Sozialkapital, so die Autorin, hat natürlich Vorteile, aber auch einen Preis für unsere Aufmerksamkeit.

Aus all dem folgt, dass unsere Prioritäten nicht nur von etwaigen Fristen abhängen, sondern auch von den Personen, die an unseren Projekten beteiligt sind. Je mehr Macht eine Person hat, umso mehr Aufmerksamkeit schenken wir ihr. Das kann so weit führen, dass wir in ständiger Alarmbereitschaft sind und andauernd in unseren Posteingang schauen.

Persönlichkeit und Selbstregulation

Unser Aufmerksamkeitsverhalten wird auch von unserer Persönlichkeit beeinflusst.

Das bekannte Big Five Modell bewertet unsere Persönlichkeit in fünf Dimensionen:

  • Extraversion. Ist man lieber unter Menschen oder lieber allein?
  • Verträglichkeit. Kommt man mit anderen gut aus oder ist man »schwierig«?
  • Neurotizismus. Ist man ängstlich oder emotional stabil?
  • Gewissenhaftigkeit. Ist man fleißig oder laissez-faire?
  • Offenheit. Ist man offen für neue Erfahrungen oder vorsichtig und verschlossen?

Die Autorin erklärt, dass Gewissenhaftigkeit in Hinblick auf Produktivität generell wünschenswert ist, aber nachteilige Auswirkungen auf den Umgang mit E-Mails hat. Gewissenhafte Menschen neigen dazu, ständig ihre E-Mails zu checken, weil sie sicherstellen wollen, dass sie jede eingehende E-Mail zeitnah abfangen.

Personen mit hohen Werten in der Persönlichkeitseigenschaft Offenheit sind in der Lage, ihre Arbeit trotz ständiger Unterbrechungen schnell zu erledigen. Die Autorin vermutet, dass sie agiler und flexibler sind und daher schneller zu einer unterbrochenen Aufgabe zurückkehren können.

Die Autorin fand heraus, dass Menschen umso mehr Zeit im Internet verbringen, je höher ihre Werte für Extraversion, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus sind.

Die Gründe sind unterschiedlich:

  • Extravertierte suchen Informationen außerhalb ihrer selbst. Darum wenden sie viel Zeit für Kommunikation und Recherche auf.
  • Gewissenhafte nutzen das Internet vor allem für Arbeitspausen und zum Stressabbau.
  • Neurotiker verbringen viel Zeit im Internet, um ihre Ängste abzubauen.

Und wie wirkt sich die Persönlichkeit auf die Aufmerksamkeitsspanne aus?

Je ausgeprägter die Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus und Dringlichkeit, umso kürzer die Aufmerksamkeitsspanne. (Dringlichkeit ist eine Facette von Impulsivität.)

Mangelnde Ausdauer scheint die Aufmerksamkeitsspanne hingegen nicht zu beeinträchtigen.

Persönlichkeit und Blocking-Apps

Es gibt zwei Arten von Apps, die uns dabei helfen, weniger abgelenkt zu sein:

  1. Apps, die uns aufzeigen, wie häufig wir abgelenkt sind.
  2. Apps, die bestimmte Ablenkungen aktiv blocken.

Wer Ansatz ist besser?

Die Autorin erklärt, dass dies vom Persönlichkeitstyp abhängt.

Personen mit geringer Selbstkontrolle verspüren weniger geistige Anstrengung, wenn sie eine Blocking-App verwenden. Die App hilft ihnen dabei, kognitive Ressourcen zu sparen.

Personen mit hoher Selbstkontrolle erleben eine höhere Arbeitsbelastung, wenn sie eine Blocking-App verwenden. Das liegt daran, dass sie dann nicht auf ihre Standardmethode zur Regeneration ihrer erschöpften kognitiven Ressourcen zurückgreifen können. Anstatt Pausen einzulegen, arbeiten sie dann einfach weiter und verausgaben sich.

Nach einem Experiment, bei dem eine Blocking-App zum Einsatz kam, hatten die meisten Versuchspersonen kein Interesse daran, die App weiterhin nutzen, da sie sich zu sehr kontrolliert fühlten.

Selbstregulation und Schlaf

Wenn wir zu wenig Schlaf bekommen, dann stehen uns im Wachzustand weniger kognitive Ressourcen zur Verfügung. Das hat zur Folge, dass

  • unsere exekutiven Funktionen geschwächt sind,
  • unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzt ist
  • und unsere Fähigkeit zur Selbstregulation und zum Ignorieren von Ablenkungen beeinträchtigt ist.

Bei Schlafmangel ziehen wir es vor, uns mit einfachen Routinetätigkeiten zu beschäftigen.

Wenn wir sogenannte Schlafschulden anhäufen, indem wir mehrere Nächte hintereinander zu wenig schlafen, nehmen die Ausfallerscheinungen mit jedem weiteren Tag immer mehr zu.

Glück und unsere Geräte

Als Wissensarbeiter können wir nicht ständig im Flow sein. Statt nach Flow zu streben, sollten wir lernen, unsere Geräte auf eine Art und Weise zu nutzen, die keinen Stress verursacht und uns positiv, ausgeglichen und produktiv macht.

Viele Menschen glauben, dass hochkonzentriertes Arbeiten am glücklichste macht. Gloria Marks Forschung zeigte jedoch, dass wir bei Routinearbeit glücklicher sind.

Routinearbeit bereitet uns Freude, weil sie uns schnelle Befriedigung verschafft. Darüber hinaus ist Routinearbeit meditativ und kann Trost spenden. Sie verbraucht wenig kognitive Ressourcen und kann uns helfen, unsere Gedanken zu ordnen und neue Ideen zu entwickeln.

Die meisten Menschen glauben, dass echte zwischenmenschliche Interaktionen uns glücklicher machen als Interaktionen bei Facebook und Co.

Die Forschung der Autorin hat bestätigt, dass wir während einer Face-to-Face-Interaktion meist glücklicher sind. Doch am Ende eines Arbeitstages sind wir umso glücklicher, je mehr Zeit wir bei Facebook verbracht haben.

Wie kann das sein?

Die Autorin erklärt, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, Face-to-Face-Interaktionen zu beenden. Wenn sie aufgrund von zu viel Arbeit gestresst sind oder ein Termin ansteht, wollen sie nicht in einer solchen Interaktion gefangen sein. Interaktionen bei Facebook und Co. lassen sich leichter beenden. Darum werden digitale Interaktionen gerne genutzt, um die Stimmung zu verbessern und die verbrauchten kognitiven Ressourcen zu regenerieren.

Gloria Mark weist darauf hin, dass die Mimik von Multitaskern vergleichsweise häufig negative Emotionen, insbesondere Ärger, ausdrückt. Da Gefühle bekanntermaßen ansteckend sind, besteht die Gefahr, dass die negativen Gefühle von Multitaskern auf Kollegen übertragen werden.

Wie unsere Aufmerksamkeit von den Medien konditioniert wird

Während wir die Aufmerksamkeitswechsel am Computer und Smartphone selbst herbeiführen, werden sie uns in Filmen, Serien und Videos aufgezwungen.

Bei Filmen wurden die Abstände zwischen den Schnitten im Laufe der Jahre immer kürzer, wie die durchschnittlichen Szenen-Längen der Iron Man Filme beispielhaft zeigt:

  • Iron Man 1 (2008): 3,7 Sekunden.
  • Iron Man 2 (2010): 3,0 Sekunden.
  • Iron Man 3 (2013): 2,4 Sekunden.

Auch aus YouTube-Videos werden Gesprächspausen und Füllwörter immer häufiger herausgeschnitten, um die Zuschauerbindung zu erhöhen.

Die Autorin weist darauf hin, dass viele Videos inzwischen so schnell sind, dass wir der Handlung zwar visuell folgen können, aber nicht mental. Schon kurz nachdem wir eines dieser Videos angeschaut haben, können wir uns kaum noch an den Inhalt erinnern.

Das Anschauen schneller Filme und Videos erschöpft unsere kognitiven Ressourcen ebenso schnell wie Multitasking am Computer und Smartphone.

Da es eine Parallele zwischen der Entwicklung zu immer kürzeren Filmszenen und der Verkürzung unserer Aufmerksamkeitsspanne am Computer gibt, vermutet die Autorin, dass Filme und Videos dazu beitragen könnten, dass wir auch am Computer und Smartphone häufige Szenenwechsel erwarten und diese entsprechend aktiv herbeiführen.

Teil 3 – Fokus, Rhythmus und Balance

Im letzten Teil ihres Buches kommt Gloria Mark auf das Thema Willensfreiheit zu sprechen.

Haben wir (noch) die Kontrolle über unser Verhalten oder werden wir von soziotechnischen Einflüssen ferngesteuert?

Die Autorin macht deutlich, dass wir mit dem schwierigen und umstrittenen Konzept der Willensfreiheit hier nicht weiterkommen.

Der kanadische Psychologe Albert Bandura hat das Konzept der Willensfreiheit durch das besser handhabbare Konzept der Handlungsfreiheit (Agency) ersetzt.

Nach Bandura hat menschliches Handeln vier Aspekte:

  1. Intentionalität. Wir können Pläne machen und uns bewusst dafür entscheiden, an unseren wichtigsten Projekten zu arbeiten.
  2. Vorausdenken. Wir können darüber nachdenken, ob und wie sich ein Besuch bei Facebook auf unsere Leistungsfähigkeit in ein paar Stunden auswirkt.
  3. Selbstregulation. Wir können unser ungünstiges Verhalten in Echtzeit regulieren. Personen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen fällt dies leichter als anderen.
  4. Selbstreflexion. Wir können über unser Verhalten nachdenken und unsere Erkenntnisse nutzen, um unser Verhalten zu ändern.

Ein Bewusstsein für das eigene Verhalten zu entwickeln, ist von entscheidender Bedeutung für Veränderung. Denn Bewusstsein ist die Voraussetzung für Selbstreflexion und eine Kurskorrektur unseres Verhaltens.

Fokus, Rhythmus und Balance erreichen

Gloria Mark erklärt, dass wir am besten arbeiten können, wenn unser autonomes Nervensystem im Gleichgewicht ist. Daher sollte unser Hauptaugenmerk nicht auf der Maximierung unserer Produktivität liegen, sondern auf der Aufrechterhaltung eines gesunden Gleichgewichts.

Um dies zu erreichen, müssen wir lernen, unsere Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Zunächst müssen wir uns bewusst werden, wie wir unsere Aufmerksamkeit einsetzen. Mit anderen Worten: Wir brauchen Meta-Bewusstsein.

Meta-Bewusstsein ist eine analytische Denkweise, bei der wir uns wie eine außenstehende Person selbst beobachten. Aus dieser Perspektive heraus können wir unser Verhalten und die Gründe unseres Verhaltens tiefer verarbeiten.

Wir können Meta-Bewusstsein entwickeln und trainieren, indem wir uns Fragen stellen.

  • Bevor wir eine verführerische Website oder Social Media besuchen: Welchen Nutzen habe ich davon, jetzt diese Website zu besuchen?
  • Wenn wir bereits auf einer verführerischen Website oder Social Media sind: Wie viel Zeit habe ich hier bereits verbracht? Bringt es mir etwas, noch länger hier zu bleiben?

Gloria Mark hat drei Punkte identifiziert, an denen Meta-Bewusstsein besonders nützlich ist:

  • Um den aktuellen Zustand unserer kognitiven Ressourcen zu beurteilen: Sind meine kognitiven Ressourcen erschöpft – braucht meine Aufmerksamkeit eine Pause?
  • Wenn wir versucht sind, zu einer Website zu wechseln, die für unsere aktuelle Aufgabe irrelevant ist: Warum will ich gerade diese Website besuchen?
  • Wenn wir mit Routinearbeit beschäftigt sind: Bin ich schon wieder erholt? Mache ich diese Arbeit, um harte Arbeit zu vermeiden?

Außerdem sollten wir uns angewöhnen, vorausschauend zu denken, indem wir uns regelmäßig fragen, wie sich bestimmte Handlungen auf die Zukunft auswirken.

Je häufiger wir uns mit diesen und ähnlichen Fragen selbst analysieren, umso besser werden wir darin, unsere Aufmerksamkeit zu kontrollieren.

Selbstregulation statt Blocking-Apps

Gloria Mark erklärt, dass Blocking-Apps kurzfristig helfen, aber keine dauerhafte Lösung sind. Wenn wir sie benutzen, lernen wir nicht, uns selbst zu regulieren.

Um Selbstregulation zu lernen, sollten wir zunächst unseren Computer und unser Smartphone aufräumen und möglichst alle unnötigen Reize entfernen, die automatische Aufmerksamkeit hervorrufen.

Impulsive Personen sollten außerdem mehr Reibung in ihre Routinen einbauen:

  • Verführerische Apps in einem Ordner verstecken.
  • Das Telefon in einer Schublade oder einem anderen Raum verstauen.

Bevor wir auf Social Media oder Nachrichtenseiten zugreifen, sollten wir uns eine Exit-Strategie zurechtlegen, die verhindert, dass wir beim Mind-Wandering die Zeit vergessen.

Die Autorin erklärt, dass es immer einfacher ist, einen Impuls zu ignorieren, als einer Unterbrechung wieder zu entkommen.

Beim Widerstehen von Impulsen können Ersatzhandlungen wie diese helfen:

  • Tief durchatmen.
  • Eine Minute aus dem Fenster schauen.
  • Einen kurzen Spaziergang machen.

Soziale Kontakte sinnvoll nutzen

Gloria Mark rät dazu, das Freundesnetzwerk sinnvoll zu nutzen.

Das gedankenlose Scrollen durch alle möglichen Beiträge bei Facebook und Co. ist wie Multitasking. Man wechselt von Person zu Person und von Thema zu Thema.

Stattdessen sollten wir uns auf eine einzige Person konzentrieren und die Interaktion zuvor in Gedanken visualisieren. Wenn wir Beziehungen aufbauen wollen, müssen wir das ohnehin außerhalb von Facebook und Co. tun.

Bei der Tagesplanung auf das Gleichgewicht achten

Bei der Tagesplanung sollten wir dem Drang widerstehen, immer mehr Aufgaben in immer weniger Zeit zu quetschen. Stattdessen brauchen wir eine Strategie, die uns nicht erschöpft und unser Wohlbefinden steigert.

Die Autorin rät dazu, zu antizipieren, wie sich eine Aufgabe auf die kognitiven Ressourcen auswirkt. Dann sollten wir unsere Aufgaben auf eine Weise kombinieren, die unsere Aufmerksamkeit nicht überstrapaziert.

Außerdem sollten wir unseren Chronotyp ermitteln und die Spitzenzeiten unserer mentalen Leistungsfähigkeit für diejenigen Aufgaben reservieren, die volle Konzentration erfordern. Zu unseren Spitzenzeiten sollten wir uns nicht mit E-Mails beschäftigen.

Wir sollten unsere Aktivitäten nicht nur dahingehend betrachten, wie viel und welche Art von Aufmerksamkeit sie erfordern, sondern auch in Hinblick auf ihre emotionale Wertigkeit. Wir sollten unseren Arbeitstag mit einem positiven Gefühl beenden.

Fazit

Attention Span* ist ein sehr interessantes und wichtiges Buch, das derzeit leider nur in englischer Sprache verfügbar ist.

Es ist eine sehr gute Ergänzung zu meinem neuesten Produktivitäts-Ratgeber In Teilzeit zum Millionär – Produktivität und Zeitmanagement für Selbstständige und Unternehmer*, der sich mit der Frage beschäftigt, wann und wie lange wir für optimale Leistung und optimales Wohlbefinden arbeiten sollten.

 

N/A

 

Jetzt bei Amazon ansehen!*

 


Die Top 100 besten Sachbücher und Ratgeber (Liste)


Dr. Jan Höpker ist Wissenschaftler und Gründer der Websites HabitGym und Der perfekte Ratgeber. Mit seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration hat er bis heute mehr als 20.000 Leser erreicht und ihnen dabei geholfen, fokussierter zu leben, zu lernen und zu arbeiten.

Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!
Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!
Wir senden dir neue Zusammenfassungen kostenlos per E-Mail zu!
>