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Joachim Bauer: Schmerzgrenze

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Über den Autor

Joachim Bauer (Jahrgang 1951) ist Arzt und Universitätsprofessor für Psychoneuroimmunologie in Freiburg. Er hat mehrere empfehlenswerte Sachbücher geschrieben.

Zusammenfassung

Verhaltensforscher wie Sigmund Freud (1856-1939) und Konrad Lorenz (1903-1989) hatten dem Menschen einen sogenannten Aggressionstrieb unterstellt. Sie gingen davon aus, dass es uns Menschen Vergnügen bereitet, anderen Menschen grundlos Gewalt anzutun oder sie zu quälen. Deshalb würde es immer wieder zu spontaner Gewalt kommen. Anders konnte man sich Phänomene wie den Nationalsozialismus nicht erklären.

»Falsch!« sagt Joachim Bauer. Der Aggressionstrieb wurde widerlegt. Die Gehirnforschung konnte eindeutig belegen, dass das unprovozierte Ausüben von Gewalt einem gesunden Menschen kein Vergnügen bereitet, im Gegenteil: Das Motivations-/Belohnungszentrum ist inaktiv; stattdessen ist das Ekel-Zentrum aktiv.

Trotz eindeutiger Gegenbeweise hält die Öffentlichkeit implizit und explizit am Aggressionstrieb fest. Die Fürsprecher eines Aggressionstriebes begründen ihre Sichtweise für gewöhnlich mit dem berühmten Milgram-Experiment von 1961, bei dem Versuchspersonen dazu gebracht wurden, Dritten schmerzhafte Stromschläge zu verpassen, obwohl sie sich (theoretisch) hätten weigern können.

Bauer erklärt, dass das Milgram-Experiment fast immer falsch wiedergegeben würde. In Wahrheit zeigten alle Versuchspersonen ein starkes Widerstreben, die Stromstöße zu applizieren. Viele von ihnen erlitten später sogar Nervenzusammenbrüche oder zeigten Symptome einer posttraumatischen seelischen Störung. Von Freude keine Spur! Im Gegenteil: Menschen verabscheuen sinnlose Gewalt.

Ein weiteres verbreitetes Argument der Fürsprecher eines Aggressionstriebes hält Bauer ebenfalls für unschlüssig: Schimpansen seien weit weniger aggressiv als man ihnen nachsagt. Selbst ein in Gefangenschaft lebender Schimpanse tötet im Durchschnitt (nur) alle 7,5 Jahre einen Artgenossen.

(Ein drittes Argument, auf das Joachim Bauer zwar nicht eingeht, das aber ebenfalls häufig ins Feld geführt wird, ist die unwahre Behauptung, wir Homo sapiens hätten den Neandertaler gewaltsam ausgerottet. In Wahrheit weiß man gar nicht so genau, warum der Neandertaler ausgestorben ist. Am wahrscheinlichsten scheint, dass er über Tausende von Jahren langsam verdrängt wurde, weil er einen Reproduktionsnachteil gegenüber Homo sapiens hatte.)

Im Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren, so Bauer, habe Gewalt vermutlich nicht zur Tagesordnung gehört. Erst mit der sogenannten Neolithischen Revolution, als unsere Vorfahren sesshaft wurden und mit Viehzucht und Ackerbau begannen (etwa 10.000 v. Chr.), begann das Zeitalter der Gewalt, das bis heute andauert.

Der Autor führt einige zivilisatorische Phänomene als (Mit-)Auslöser von Aggression ins Feld: Entfremdete Berufe/Jobs reißen die modernen Menschen aus ihren sozialen Beziehungen und machen sie zu Waren. Das Konkurrenzprinzip spielt die Menschen gegeneinander aus.

»Wir müssen lernen, Aggression neu zu verstehen, denn abhängig davon wie wir sie verstehen, werden wir ihr begegnen.«

Das Problem an unwahren Theorien, wie dem Aggressionstrieb ist, dass sie sich im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung bewahrheiten können. (Thomas-Theorem: Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.)

Wer davon ausgeht, unprovozierte Gewalt würde Menschen Vergnügen bereiten, wird grundlegend anders mit Gewalt umgeben, als jemand, der weiß, dass unprovozierte Gewalt kein Vergnügen bereitet – zumindest nicht bei gesunden Menschen. (Psychopathen scheinen ein anderes Verhältnis zur Gewalt zu haben, allerdings seinen Psychopathen selbst erst durch Gewalteinwirkung zu Psychopathen geworden.)

Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach Gemeinschaft. Es konnte gezeigt werden, dass das Motivation-/Belohnungssystem nicht bei unprovozierter Gewalt, sondern im Rahmen von kooperativem Verhalten aktiviert ist. Ein zentrales Triebziel des Menschen ist der Wunsch, sozial akzeptiert und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Obwohl jährlich etwa eineinhalb Millionen Menschen (weltweit) durch Gewalttaten ums Leben kommen, tritt menschliche Gewalt nur als Reaktion auf provozierende Reize und in ganz bestimmten Situationen auf. Erst wenn eine Schmerzgrenze überschritten ist, kommt es zu Gewalt. Die Höhe der Schmerzgrenze ist genetisch bedingt von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Das menschliche Gehirn, so Bauer, habe einen Messfühler für Fairness (an dem das »Ekel-Zentrum« beteiligt ist), der immer dann ausschlägt, wenn wir unfair behandelt werden und wenn ein Mindestmaß an fairer Ressourcenverteilung unterschritten wird.

Menschen reagieren mit Gewalt, …

… wenn man ihnen willkürlich Schmerzen zufügt.

… wenn sie sehen, wie einer unschuldigen dritten Person willkürlich Schmerzen zugefügt werden.

… wenn sie sozial ausgegrenzt werden.

Der stärkste Auslöser von Aggression ist Ausgrenzung, was damit erklärt werden kann, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren auf sich allein gestellt nicht überleben konnten. Ausgegrenzt zu werden, endete tödlich. Bei Ausgrenzung werden die gleichen Schmerzzentren im Gehirn aktiv, die auch bei körperlichen Schmerzen aktiv sind.

Auch Armut in Gegenwart von Reichtum ist eine Form von Ausgrenzung, die Gewalt hervorrufen kann. In Ländern mit besonders hohem Wohlstandsunterschied kommt es vermehrt zu Tötungsdelikten.

Aggression (neben physischer Gewalt gibt es auch verbale Aggression) kann konstruktiv sein, weil sie eine Signalfunktion hat. Die Voraussetzung ist, dass sie die richtige Person zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosierung trifft.

Was Gewalt problematisch macht, ist die sogenannte Verschiebung. Wer seine Aggression (aus welchen Gründen auch immer) nicht gegen den direkten Auslöser des ihm zugefügten körperlichen oder seelischen Schmerzes richten kann, neigt zu aggressivem Verhalten gegenüber einer zufällig anwesenden, unschuldigen, dritte Person oder Sache. Und/oder es kommt zu einer erheblichen zeitlichen Verzögerung zwischen dem Auslöser und der durch ihn ausgelösten aggressiven Handlung. Verschobene Gewalt besitzt keine konstruktive Signalwirkung; sie ruft daher Gegengewalt hervor und erzeugt einen Aggressionskreislauf.

Aus Kindern, die Opfer von Gewalt (oder Vernachlässigung) wurden, werden aggressive Erwachsene. Schuld ist das sogenannte »Aggressionsgedächtnis«. Die Kinder lernen, die Welt als einen gefährlichen Ort voller Feindseligkeiten misszuverstehen.

Es muss nicht zwangsläufig zu Gewalt kommen, denn der Gewaltimpuls kann in vielen Fällen unterdrückt werden. Wer Aggressionsimpulse grundsätzlich unterdrückt, schadet sich jedoch selbst. Man läuft Gefahr, krank zu werden (unterdrückte Aggression gilt als Mitauslöser von Angststörungen und depressiven Erkrankungen) und der Auslöser des Schmerzes wird sein Verhalten nicht ändern, weil er nicht erfährt, dass er zu weit gegangen ist.

Interessanterweise scheint sich eine gesunde Ernährung positiv auf die Gewaltbereitschaft auszuwirken, d. h. wer sich gesund ernährt, neigt weniger zu Gewalt (der genaue Mechanismus ist unbekannt).

Fazit/Schlussfolgerung

Da uns von unseren Mitmenschen und den Medien permanent implizit und explizit die Existenz eines Gewalttriebes eingetrichtert wird, ist es wichtig, die Wahrheit zu kennen: Menschen sind von Natur aus deutlich friedlicher, als wir bewusst und unbewusst annehmen. Zu Gewalt kommt es nicht ohne Grund, aber sie trifft manchmal die Falschen.

Menschliche Gewalt ist eine Reaktion auf bestimmte Situationen und Reize und nicht etwa eine Eigenschaft, die böse Menschen von den Guten unterscheidet. Jeder Mensch kann gewalttätig werden. (Dass man Gewalt erklären kann, bedeutet natürlich nicht, dass sie damit automatisch entschuldigt wäre.)

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Dr. Jan Höpker ist Wissenschaftler und Gründer der Websites HabitGym und Der perfekte Ratgeber. Mit seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration hat er bis heute mehr als 20.000 Leser erreicht und ihnen dabei geholfen, fokussierter zu leben, zu lernen und zu arbeiten.

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