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Nir Eyal: Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen

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Über Nir Eyal

Nir Eyal (Jahrgang 1980) ist ein US-amerikanischer Autor und Experte für Produktdesign. Sein erstes Buch Hooked* aus dem Jahr 2014 erlangte Bestseller-Status und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen (Indistractable) ist sein zweites Buch.

Zusammenfassung

Immer mehr Menschen aus sämtlichen Altersklassen lassen sich viele Stunden des Tages von (digitaler) Technologie, wie zum Beispiel Social Media, Videos, Chats und Spielen, ablenken. Das ist kein Zufall, denn Tech-Firmen wie Facebook, Google und Co. werden immer besser darin, unsere Aufmerksamkeit zu kontrollieren, um daraus Profit zu schlagen.

Zwar können diese Produkte uns Nutzern einen gewissen Mehrwert bieten, aber der Preis, den wir in Form unserer Zeit für die Nutzung bezahlen, ist in den allermeisten Fällen viel zu hoch. Eine verbreitete Reaktion derjenigen, die ihre missliche Lage erkannt haben, lautet: Totalverzicht.

Der Brancheninsider Nir Eyal hält diese Reaktion für suboptimal. Mit weiser Voraussicht und klugen Taktiken sei es möglich, die Vorzüge der (digitalen) Technologie für einen angemessenen Preis zu bekommen. Doch bevor man das Problem für sich selbst lösen kann, muss man verstehen, wo genau es liegt und wo es nicht liegt.

Die Technologie ist nicht das Problem

Die verbreitete Ansicht lautet, dass die (digitale) Technologie ein Problem ist, weil sie das Potenzial hat, die Menschen süchtig zu machen. Als Autor des Buches Hooked, das die entsprechenden Zusammenhänge im Detail beschreibt (und sogar eine Anleitung zur Erschaffung süchtig machender Produkte enthält) hat Eyal diese Tatsache natürlich verstanden. Trotzdem sagt er:

Die (digitale) Technologie ist nicht die Grundursache des Problems, sondern lediglich ein Symptom. Die wahren Ursachen liegen tiefer!

Eyal betrachtet die weitverbreitete Ablenkungssucht als eine Bewältigungsstrategie. Etwas vereinfacht gesprochen, leiden die Betroffenen unter psychologischen Schmerzen, und die Nutzung von (digitalen) Ablenkungen ist ihre Art, mit diesen Schmerzen umzugehen (»Coping«).

»Alles, was Schmerzen lindern kann, ist potenziell Sucht erzeugend.«

Beispiele für psychologische Schmerzen:

  • Einsamkeit
  • Langeweile
  • Fehlen von Kontrolle über das eigene Schicksal

Allgemein: unerfüllte Bedürfnisse, die sich nicht (unmittelbar) stillen lassen.

Eyals Gedanke lässt sich gut an einem Beispiel erklärt: Viele Kinder sind heutzutage in besonderem Maße fremdbestimmt; die Erwachsenen treffen (fast) alle Entscheidungen für sie. Was diesen Kindern fehlt, ist Kontrolle, und das spüren sie in Form eines psychischen Schmerzes. Die Flucht in Computerspiele stellt aus ihrer Sicht eine funktionierende Bewältigungsstrategie dar, denn dort finden sie das, was ihnen in der echten Welt fehlt: die Möglichkeit, Kontrolle auszuüben.

Für notorisch abgelenkte Angestellte in Unternehmen gilt prinzipiell das gleiche: Die Unternehmenskultur fügt ihnen Schmerzen zu, die sie durch die Ablenkungen abmildern.

Wer diesen Gedanken akzeptiert, muss logischerweise auch folgendes akzeptieren:

Zeitmanagement ist Schmerzmanagement

Wenn wir Ablenkungen nutzen, um unsere Schmerzen zu lindern und wenn Ablenkungen uns unsere Zeit kosten, dann ist Zeitmanagement im Kern Schmerzmanagement. Wir müssen lernen, besser mit unseren psychologischen Schmerzen umzugehen.

Wie man mit psychologischen Schmerzen umgehen sollte

Eyal empfiehlt, psychologischen Schmerzen mit der sogenannten Acceptance and Commitment Therapy (ACT) zu begegnen. Im Kern läuft es darauf hinaus, den Schmerz zuzulassen und ihn bewusst mit Interesse zu »erforschen«, anstatt ihn zu ignorieren oder bewusst zu unterdrücken. Auf diese Weise lässt sich der Schmerz am schnellste zum Verschwinden bringen.

Eine weitere Empfehlung ist die sogenannte 10-Minuten-Regel. Wir sollen uns angewöhnen, immer noch 10 Minuten zu warten, bevor wir uns dem Verlangen, uns abzulenken, hingeben (auf dem Verlangen surfen). Auf diese Weise trainieren wir uns impulsives Verhalten ab.

Wert-volle Zeit schützen

Schmerzen lassen sich am besten ertragen, wenn man Sinn erlebt. Sinn ist ein Gefühl, welches entsteht, wenn wir im Einklang mit unseren Werten leben. Eyal schlägt vor, dass wir uns unserer Werte bewusst werden und einen Teil unserer Zeit für die entsprechenden Tätigkeiten blockieren.

Der Gedanke, die meiste Zeit des Tages zu verplanen, gefällt den meisten Menschen nicht, aber Eyal hält es für den besten Weg. Wer seine Zeit nicht selbst verplant, dessen Zeit wird von anderen Menschen und/oder Organisationen verplant. Und dass diese (meist) nicht in unserem Sinne planen, dürfte klar sein.

Eyal empfiehlt, die perfekte Woche zu planen und uns dabei als Wissenschaftler zu betrachten, nicht als Sklaventreiber. Nach einer Woche sollen wir reflektieren und die Planung entsprechend optimieren.

Externe Auslöser kontrollieren

Externe Auslöser wie zum Beispiel Push-Benachrichtigungen können fast so mächtig wie eine Fernsteuerung sein – sie können unser Verhalten zu großen Teilen steuern.

Eyal empfiehlt, dass wir die externen Auslöser aufspüren, die uns in unserem Alltag begegnen. Wir sollen uns die folgende Frage stelle: Dient der Auslöser mir oder diene ich dem Auslöser?

»Heutzutage wird der Kampf gegen Ablenkungen größtenteils vom Kampf gegen externe Auslöser bestimmt.«

Alle Auslöser, die uns nicht in die Karten spielen, sollten wir möglichst unschädlich machen, denn Ablenkungen klauen uns unsere Zeit und sie lassen uns Fehler machen.

Konkrete Optimierungsvorschläge

Eyal liefert eine ganze Reihe konkreter Optimierungsvorschläge, die ich im Rahmen dieser Zusammenfassung nicht alle wiedergeben kann. Konkret geht es zum Beispiel um den …

Umgang mit E-Mails

Die meisten E-Mails, die den Weg in unseren Posteingang finden, sind nicht dringend, aber unser Gehirn glaubt, dass sie dringend sind. Deshalb reagieren die meisten Menschen innerhalb weniger Sekunden auf jede neu hereinkommende E-Mail, wodurch sie von ihrer aktuellen Tätigkeit abgelenkt werden. Außerdem sind viele E-Mails unnötig, d. h. sie hätten gar nicht erst geschrieben bzw. verschickt werden sollen.

Eine wirksame Strategie muss zwei Zwecke erfüllen: Zum einen muss die Anzahl der hereinkommenden E-Mails reduziert werden und zum anderen muss die Zeit reduziert werden, die für die Bearbeitung einer E-Mail draufgeht.

Konkrete Taktiken:

  • Fertig geschriebene E-Mails nicht sofort losschicken, sondern einige Stunden vergehen lassen, ehe man sie abschickt.
  • Bürozeiten einrichten und die Menschen bitten, während dieser Zeiten persönlich vorbeizukommen, anstatt uns eine E-Mail zu schicken.

Umgang mit dem Smartphone

App-Icons sind häufig Verhaltensauslöser, die uns dazu bringen, uns mit den entsprechenden Apps zu beschäftigen. Das ist ein Problem, denn es kann dazu führen, dass wir uns mitunter lange mit unserem Smartphone ablenken, sobald wir es einmal in die Hand genommen haben.

Eyal schlägt vor, die verführerischsten Icons zumindest vom Startbildschirm zu entfernen. Noch besser wäre es, die Apps zu löschen.

Umgang mit Artikel (Blogs, Nachrichtenseiten)

Eyal empfiehlt, Artikel niemals im Browser zu lesen, sondern die App Pocket zu nutzen, um die entsprechenden Artikel zu bookmarken. Später kann man sich die auf diese Weise gesammelten Artikel von der App auf dem Smartphone vorlesen lassen (zum Beispiel bei einem Spaziergang).

Dies waren nur einige von zahlreichen kleinen Verbesserungsvorschlägen, die in der Summe einen gewaltigen Unterschied machen können.

Fazit

Im Laufe von nur einem Jahr verbringt die durchschnittliche Person über 1.500 Stunden mit Arbeit. Wenn sie es schafft, nur 1 Prozent dieser Zeit zu sparen, indem sie sich mit den Taktiken aus Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen (Indistractable) weniger ablenken lässt, hat sich die zeitliche und monetäre Investition in das Buch bereits gelohnt.

Ob 1 Prozent Zeitersparnis realistisch ist? Nein! Die tatsächliche Zeitersparnis dürfte ein Vielfaches davon betrage!

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Dr. Jan Höpker ist Wissenschaftler und Gründer der Websites HabitGym und Der perfekte Ratgeber. Mit seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration hat er bis heute mehr als 20.000 Leser erreicht und ihnen dabei geholfen, fokussierter zu leben, zu lernen und zu arbeiten.

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