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Robert Sapolsky: Warum Zebras keine Migräne kriegen

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Über Robert Sapolsky

Robert Sapolsky (Jahrgang 1957) ist ein US-amerikanischer Autor, Wissenschaftler und Professor für Biologie und Neurowissenschaften an der Universität Stanford.

Die erste englischsprachige Ausgabe von Why Zebras Don’t Get Ulcers: The Acclaimed Guide to Stress, Stress-Related Diseases, and Coping* erschien 1994.

Die heute leider vergriffene deutschsprachige Übersetzung des Buches trägt den Titel Warum Zebras keine Migräne kriegen: Wie Stress den Menschen krank macht* und war ab 1998 erhältlich. Heute ist die Übersetzung vergriffen; gebrauchte Exemplare werden für zum Teil mehr als 100 € verkauft (Stand: 2022).

Insgesamt hat sich Why Zebras Don’t Get Ulcers mehr als 225 000-mal verkauft. Diese Zusammenfassung basiert auf der neuesten Edition der englischsprachigen Ausgabe.

Zusammenfassung

Was Stress betrifft, gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen uns modernen Menschen und wild lebenden Tieren wie zum Beispiel Zebras.

Zebras stehen auf dem Speiseplan von Löwen. Wenn eine Zebraherde Besuch von einem Rudel hungriger Löwen bekommt, dann erleben die Zebras eine sogenannte Stressreaktion, die auch als Kampf-oder-Flucht-Reaktion bezeichnet wird. Diese Stressreaktion hört wieder auf, sobald die Gefahr nach einigen Minuten oder wenigen Stunden vorüber ist.

Als unsere steinzeitlichen Vorfahren als Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen, war es bei uns genauso. Doch heutzutage findet die Bedrohung, die eine Stressreaktion auslöst, oftmals nur in unseren Köpfen statt. Und diese Art von Stress (Sapolsky spricht von psychologischen und sozialen Stressoren) kann deutlich länger anhalten als ein paar Minuten oder Stunden. Das ist ein großes Problem, denn unser Organismus ist nicht für chronischen Stress ausgelegt.

Unser Organismus ist zu einer Zeit entstanden, als jeder Stressor bedeutete, dass wir unsere Muskeln bewegen müssen. Deswegen reagiert unser Organismus auf psychologische und soziale Stressoren auf die gleiche Art und Weise, wie er auf einen hungrigen Säbelzahntiger reagieren würde. Die Stressreaktion bereitet unsere Muskeln auf die vermeintlich bevorstehende körperliche Herausforderung eines Kampfes oder einer Flucht vor. Langfristige Projekte des Organismus wie zum Beispiel die Verdauung, Fortpflanzung und Immunreaktionen werden vorübergehend pausiert. Und damit uns etwaige Verletzungen nicht davon abhalten, weiterzukämpfen oder zu fliehen, wird unser Schmerzempfinden abgestellt.

Der österreichisch-ungarische Arzt Hans Selye war der Erste, der in den 1930er-Jahren erkannt hatte, dass unser Körper auf unsere Gedanken reagiert. Dem »Vater der Stressforschung« verdanken wir insbesondere diese beiden Erkenntnisse:

  1. Unser Organismus reagiert auf viele verschiedene Arten von Stressoren mit einer universellen Stressreaktion.
  2. Chronischer Stress macht uns krank.

Warum macht chronischer Stress krank? Zunächst war Selye auf dem Holzweg. Er dachte fälschlicherweise, dass es daran liegt, dass der Vorrat an Stresshormonen irgendwann zur Neige geht. Nach heutiger Erkenntnis macht Stress krank, weil der Organismus unter chronischem Stress zahlreiche wichtige Körperfunktionen vernachlässigt und einige Anpassungen wie zum Beispiel ein erhöhter Blutdruck auf Dauer Schäden im Körper anrichten.

Zunächst ging man davon aus, dass Stressoren den sogenannten homöostatischen Zustand stören und dass der Organismus daraufhin Anpassungen vornimmt, um die Homöostase wiederherzustellen. Später wurde das Konzept der Homöostase durch das Konzept der Allostase ergänzt, das weitreichende Anpassungsmechanismen beschreibt, die von unserem Gehirn koordiniert werden. Auch Anpassungen des Verhaltens fallen darunter. Heute geht man davon aus, dass unser Organismus nicht auf körperliche Veränderungen reagiert, sondern diese vorwegnimmt und bereits in weiser Voraussicht Anpassungen vornimmt. Alles, was die allostatische Balance stört, kann als Stressor betrachtet werden.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Stressreaktion grundsätzlich wünschenswert ist. Bei Menschen, die unter Morbus Addison oder dem Shy-Drager-Syndrom leiden, funktioniert die Stressreaktion nicht richtig; bei ihnen werden bestimmte Stresshormone nicht ausgeschüttet. Wenn die Betroffenen Stress erleben, sinkt ihr Blutdruck und sie fallen in einen Schockzustand.

Stress und das autonome Nervensystem

Unserem Gehirn entspringen mehrere Nerven, die an unseren Körper angeschlossen sind. Einige dieser Nerven versetzen uns in die Lage, Muskeln zu bewegen, und über andere Nerven kommuniziert das Gehirn (unbewusst) mit unseren Organen.

Etwas vereinfacht gesprochen ist das autonome Nervensystem zweigeteilt: die eine Hälfte (das sympathische Nervensystem) wird bei Stress aktiv, und die andere Hälfte (das parasympathische Nervensystem) setzt die Stressreaktion wieder zurück.

Sapolsky erklärt, dass das sympathische Nervensystem von den vier Fs aktiviert wird: fight, flight, fright (Schreck) und sex. An den Nervenenden des sympathischen Systems befinden sich Drüsen, die die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausschütten. Bei allen anderen Aktivitäten wird das parasympathische Nervensystem aktiv. Das Gehirn stellt sicher, dass niemals beide System gleichzeitig aktiv sind.

Die Rolle des Gehirns

Unser Gehirn kann sowohl über das Nervensystem als auch über die Ausschüttung von Hormonen auf den gesamten Organismus einwirken. Bei Stress schüttet der Hypothalamus das Hormon CRH (Corticotropin Releasing Hormone) aus, woraufhin die Hirnanhangdrüse das Hormon ACTH (adrenocorticotropes Hormon) ausschüttet, was die Nebennieren zur Ausschüttung sogenannter Glucocorticoide veranlasst. Die Wirkung der Glucocorticoide ist mit der von Adrenalin vergleichbar, doch während Adrenalin innerhalb von Sekunden wirkt, wirken die Glucocorticoide erst nach einigen Minuten oder Stunden.

Bei Stress schüttet die Bauspeicheldrüse (Pankreas) das Hormon Glukagon aus, das für eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels sorgt. Die Hypophyse schüttet Prolaktin aus, das die Reproduktion hemmt. Außerdem werden Endorphine ausgeschüttet, die unsere Schmerzrezeptoren lahmlegen. Das Hormon Vasopressin bewirkt, dass vermehrt Flüssigkeit zurückgehalten wird. Die Ausschüttung von Testosteron, Östrogen und Insulin wird bei Stress inhibiert. Bei der sogenannten Tend-and-befriend-Reaktion wird außerdem das Hormon Oxytocin ausgeschüttet.

In Summe spricht man von der sogenannten primären Stressreaktion, die unseren Organismus auf den erhöhten Energiebedarf während eines Kampfes oder einer Flucht vorbereitet.

Nicht alle Stressoren lösen die exakt gleiche Stressreaktion aus. Zwar kommt es immer zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems sowie zur Ausschüttung von Glucocorticoiden, aber mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Intensität dies geschieht, hängt vom jeweiligen Stressor ab. Stichwort: Stressor-spezifische hormonelle Signatur. Mit welcher Sensitivität das Gewebe auf die Stresshormone reagiert, hängt ebenfalls vom Stressor ab.

Bei uns Menschen ist das sympathische Nervensystem eher im Zustand der Angst und Wachsamkeit aktiv, während Glucocorticoide eher im Zustand der Depression ausgeschüttet werden.

Der psychologische Kontext spielt ebenfalls eine Rolle – auf ein und denselben Stressor reagieren wir je nach Kontext auf völlig unterschiedliche Art und Weise.

Die kardiovaskuläre Stressreaktion

Im Rahmen der Stressreaktion wird der Herzschlag beschleunigt. Die Stärke des Herzschlags (Blutdruck) wird erhöht, indem die Venen, die das Blut zurück zum Herzen transportieren, kontrahieren und damit starrer werden. Das Blut strömt dann mit mehr Druck gegen den Herzmuskel, worauf dieser mit mehr Kraft reagiert.

Der Organismus sorgt dafür, dass die Skelettmuskeln mit mehr Blut versorgt werden, während die Versorgung der Haut, der Verdauungsorgane und des Gehirns herunterreguliert wird. Der Blutfluss zu den Nieren wird reduziert, damit weniger Urin entsteht. So bleibt mehr Flüssigkeit im Körper, wodurch der Organismus einem etwaigen Blutverlust, wie er aus einem Kampf resultieren könnte, entgegenwirkt.

Die Tatsache, dass wir uns bei großer Angst in die Hose machen, widerspricht dem nicht: Sobald der Urin einmal gebildet worden ist, kann der Organismus das darin enthaltene Wasser nämlich nicht mehr zurückgewinnen.

Stressbedingte Erkrankung des Herzkreislaufsystems

Bei Stress werden unsere Blutgefäße stärker beansprucht und verschleißen daher auch schneller. Jedes Mal, wenn die kardiovaskuläre Stressreaktion aktiv wird, erhöht sich das Risiko für Erkrankungen des Herzkreislaufsystems.

Die Erhöhung des Blutdrucks führt in einen Teufelskreis, denn um den stärkeren Blutfluss weiterhin regulieren zu können, bilden die Blutgefäße stärkere Muskeln aus, wodurch der Blutdruck weiter erhöht wird usw. Je höher der Blutdruck, umso turbulenter der Blutfluss. Dadurch werden insbesondere die kleinsten Kalilaren geschädigt. (Das Kapillarsystem ist so sehr verzweigt, dass keine Zelle unseres Körpers mehr als fünf Zellen von einem Blutgefäß entfernt ist.) Wenn Blutgefäße geschädigt werden, entstehen Entzündungen.

Während der Stressreaktion gelangen mehr Energieträger ins Blut, darunter auch das schlechte Cholesterin. Dies begünstigt – neben anderen Faktoren – die Entstehung von Plaques. Wenn sich Plaques lösen, können sie kleinere Gefäße komplett verschließen. Man spricht von einer Thrombose (allgemein), einem Schlaganfall (wenn es im Gehirn passiert) bzw. Angina Pectoris (wenn es in den Herzkranzgefäßen passiert).

Sobald unser Herzkreislaufsystem einmal geschädigt ist, sind wir extrem empfindlich gegenüber allen möglichen realen oder psychologischen Stressoren.

Bei einer starken aversiven Emotion wie z. B. Wut verdoppelt sich das Risiko, während der folgenden zwei Stunden einen Herzinfarkt zu erleiden. Das Herzkreislaufsystem reagiert auf extreme Emotionen und macht dabei keinen Unterschied zwischen positiv und negativ. Auch extreme positive Emotionen können gefährlich sein.

Zwar haben Frauen immer noch seltener Herzinfarkte als Männer (im Durchschnitt sind sie zehn Jahre älter, wenn es passiert), aber die Zahlen steigen, während sie bei den Männern zurückgehen. Woran liegt das? Sapolsky erklärt, dass es weniger mit dem Lebenswandel als vielmehr mit dem weiblichen Sexualhormon Östrogen zu tun hat: Aufgrund seiner antioxidativen Wirkung schützt Östrogen vor Herzinfarkten, indem es die Entstehung von Arteriosklerose verhindert (bereits bestehende Arteriosklerose kann Östrogen aber nicht rückgängig machen). Stress lässt den Östrogenspiegel sinken.

Der Einfluss von Stress auf den Stoffwechsel

Unter Stress schüttet unser Organismus das Hormon Glukagon aus, das bewirkt, dass Energie mobilisiert wird, die in Form von Fett im Fettgewebe und in Form von Glykogen in unseren Muskeln und der Leber gespeichert ist. Gleichzeitig verhindern die Glucocorticoide, die bei Stress ebenfalls ausgeschüttet werden, die Wiedereinlagerung. Das Blut wird mit Fett und Zucker angereichert.

Auch werden Proteine wieder in Aminosäuren zerlegt und in der Leber in Glukose verwandelt. Theoretisch werden auch die Muskeln abgebaut, aber das übersteigt nur in den seltensten Fällen ein bestimmtes Ausmaß. Das größte Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass zu viel Fett und Zucker ins Blut gelangt, weil dadurch die Gefahr von Arteriosklerose steigt. Das Verhältnis von HDL zu LDL verschiebt sich bei Stress in eine ungünstige Richtung.

Warum bekommen wir bei Stress häufiger grippale Infekte? Weil die metabolische Stressreaktion ineffizient ist und Energie verbraucht. Die Folge ist Erschöpfung.

Stress und Diabetes Typ 1

Bei Diabetes Typ 1 werden bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren, vom Immunsystem angegriffen und sterben ab. Der Organismus kann dann kein Insulin mehr ausschütten, was zur Folge hat, dass die Zellen keine Energieträger mehr aufnehmen können und förmlich verhungern. Die große Menge der im Blut schwimmenden Energieträger belastet die Nieren, was zu Nierenversagen führen kann. Auch die Augen können geschädigt werden. Die Verstopfung von Gefäßen kann chronische Schmerzen hervorrufen.

Bei Stress gelangt noch mehr Zucker und Fett ins Blut, sodass die Probleme noch zusätzlich verstärkt werden. Außerdem fördert Stress die Insulinresistenz. Unter diesen Umständen ist es schwerer, die Krankheit zu kontrollieren. Möglicherweise kann Stress die Entstehung von Diabetes Typ 1 begünstigen und den Verlauf der Krankheit beschleunigen.

Stress und Diabetes Typ 2

Bei Diabetes Typ 2 reagieren die Körperzellen nicht mehr auf das Hormon Insulin, das die Aufnahme von Energieträgern reguliert. Die Wahrscheinlichkeit für Diabetes Typ 2 steigt mit zunehmendem Körpergewicht. Übergewichtige haben nicht mehr Fettzellen als Schlanke, sondern die Fettzellen sind mit mehr Fett gefüllt. Irgendwann können sie kein neues Fett mehr aufnehmen und reagieren mit Insulinresistenz. Die betroffenen Fettzellen fangen dann ihrerseits damit an, Hormone auszuschütten, die weitere Zellen resistent machen. Der Organismus reagiert, indem er immer mehr Insulin produziert. Die Insulin produzierenden Zellen sterben schließlich ab und wir sind bei Diabetes Typ 1. Stress kann die Insulinresistenz begünstigen.

Wie Stress den Appetit beeinflusst

Typischerweise verlieren Lebewesen, die unter Stress stehen, den Appetit und nehmen daher weniger Nahrung auf. Bei zwei von drei Menschen verhält es sich jedoch anders – sie stopfen sich bei Stress mit Essen voll.

Im Rahmen der Stressreaktion werden sowohl Hormone ausgeschüttet, die den Appetit verringern (CRH), als auch Hormone, die den Appetit erhöhen (Glucocorticoide). Im Normalfall wird CRH schneller ausgeschüttet, weshalb der Appetit zunächst verloren geht. Wenn der Stress vorüber ist, wird CRH aber auch schneller wieder aus der Blutbahn entfernt, weshalb jetzt die Glucocorticoide wirken und der Appetit einsetzt. Ob wir unter Stress mehr oder wenige essen, hängt daher letztlich vom Stressor ab: Bei einem einzigen dauerhaften Stressor essen wir weniger und bei vielen verschiedenen Stressoren, die sich mit stressfreien Phasen abwechseln, essen wir mehr. Interessanterweise wird insbesondere der Appetit für fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel erhöht.

Natürlich gibt es auch individuelle Unterschiede, die das Ganze noch überlagern. Einige Menschen haben sich angewöhnt, negativen Gefühlen mit Essen zu begegnen, während andere Menschen anders mit dem Stress umgehen.

Äpfel und Birnen (Körperform)

Apfelform: viel viszerales Fett am Bauch und nirgends sonst.

Birnenform: gluteal-femorales Fettgewebe.

Die Apfelform ist sehr viel ungesünder als die Birnenform.

Glucocorticoide in Verbindung mit einem hohen Insulinspiegel begünstigen die Apfelform, weil die Fettzellen am Buch empfindlicher auf Glucocorticoide reagieren.

Indem wir nach dem Stress fett- und zuckerhaltige Nahrung zu uns nehmen, mildern wir die Stressreaktion ab: Die Sekretion der Glucocorticoide und die Aktivität des sympathischen Nervensystems nehmen ab.

Verdauung

Die Verdauung verbraucht sehr viel Energie. Bei normalen Säugetiere, zu denen auch wir Menschen zählen, gehen 10-20 Prozent der verfügbaren Energie für die Verdauung drauf. Bei Stress pausiert die Verdauung. Wir spüren dies z. B. daran, dass unser Mund trocken wird.

Die Nährstoffe werden im Dünndarm absorbiert. Im Dickdarm wird nur noch das Wasser entzogen. Auf diesen Schritt verzichtet der Organismus bei starkem Stress, weshalb wir Durchfall bekommen oder uns in die Hose machen. (Bei Stress arbeitet die Peristaltik des Dünndarms langsamer und die des Dickdarms schneller.)

Gastrointestinale Störungen

Es gibt zwei verschiedene Arten gastrointestinaler Störungen: organische und funktionale Störungen. Letztere stehen in Zusammenhang mit Stress.

Eine solche funktionale Störung ist das Reizdarmsyndrom. Chronische Stressoren erhöhen das Risiko für das Reizdarmsyndrom und verschlimmern die Symptome. Eine Ursache ist ein zu schnell arbeitender Darm. In dem Fall kann es zu Durchfall kommen. Es kann aber auch passieren, dass die Darmperistaltik den Darminhalt nicht mehr in die richtige Richtung befördert, sondern hin und her schiebt. Bei Menschen, die daran leiden, ist die Aktivität des sympathischen Nervensystems zu stark. Traumatische Erfahrungen während der Kindheit erhöhen das Risiko für das Reizdarmsyndrom.

Geschwüre

Ein Geschwür ist ein Loch in der Wand eines Organs. Geschwüre kommen nicht nur im Magen vor. Es gibt Geschwüre, die innerhalb weniger Tage entstehen können, wenn wir starkem Stress ausgesetzt sind – man spricht von einem Stressgeschwür.

Für 85 bis 100 Prozent der Magengeschwüre ist das Bakterium Helicobacter pylori verantwortlich, das im Magen der allermeisten Menschen lebt (es würde erst 1983 entdeckt). Doch nicht alle Infizierten entwickeln ein Magengeschwür. Nur unter bestimmten Umständen bringt das Bakterium die Zellen der Magenwand dazu, ihre Resistenz gegen die Magensäure zu verlieren. An 30 bis 65 Prozent der Magengeschwüre ist Stress beteiligt.

Der genaue Mechanismus ist noch nicht völlig klar. Einer Theorie zufolge investiert der Organismus unter Stress weniger Energie in den Aufbau einer vor Magensäure schützenden Magenwand. Einer anderen Theorie zufolge wird die Magenwand unter Stress schlechter durchblutet, sodass dort Schäden entstehen. (Es gibt noch weitere Theorien.)

Die Wichtigkeit von Müttern

Sapolsky erklärt, dass Stress das normale Wachstum stören kann.

Pränataler Stress

Während unserer Kindheit lernen wir die Welt kennen. Wenn ein Elternteil stirbt, während die ein Kind sind, ist unser Risiko, an einer Depression zu erkranken, für den Rest unseres Lebens erhöht. Der Grund: Wir haben gelernt, dass wir in einer Welt leben, in der schreckliche Dinge passieren, ohne dass wir sie verhindern können.

Im letzten Teil der Schwangerschaft lernt der Fötus, dass wir in einer Welt leben, in der Nahrung entweder rar oder ausreichend vorhanden ist. Wenn der Fötus lernt, dass Nahrung rar ist, entwickelt er ein lebenslang erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen.

Von der schwangeren Mutter ausgeschüttete Glucocorticoide werden vom Fötus registriert. Stress während der Schwangerschaft löst Anpassungsreaktionen im Fötus aus, die ein Leben lang anhalten. Zum Beispiel werden mehr Glucocorticoid-Rezeptoren gebildet. Der Fötus lernt, dass die Welt stressig ist.

Stress der schwangeren Mutter unterdrückt die Produktion von Testosteron in männlichen Föten. Außerdem können Glucocorticoide die Testosteron-Rezeptoren blockieren. Der Fötus wird ängstlicher sein.

Postnataler Stress

Menschen, die in der Kindheit Traumata erleben, haben ein Leben lang höhere Glucocorticoid-Spiegel und einen weniger gut ausgebildeten präfrontalen Cortex.

Wenn Kinder extrem viel Stress erleben, kann sich ihr Wachstum verlangsamen. Sapolsky erklärt, dass diese Störung äußerst selten ist. Das Problem sei kein Mangel an Kalorien, sondern dass das Level an Wachstumshormonen zu niedrig ist.

Die negativen Auswirkungen von zu viel Stress in der (frühen) Kindheit sind reversibel, wenn sich die Bedingungen (Umwelt) ändern.

Wachstum bei Erwachsenen

Wenn wir ausgewachsen sind, schüttet unser Körper weiterhin Wachstumshormone aus, deren Aufgabe darin besteht, den Status quo zu erhalten und Schäden zu reparieren. Die meiste Arbeit findet in den Knochen statt. Knochen sind dynamische Gebilde, die unserem Körper auch als Kalziumspeicher dienen.

Stresshormone richten Chaos in den Knochen an. Große Mengen Glucocorticoide, wie sie zum Beispiel im Rahmen der Behandlung bestimmter Krankheiten verabreicht werden, inhibieren das Knochenwachstum und reduzieren die Kalzium-Versorgung der Knochen. Außerdem wird im Darm weniger Kalzium aufgenommen und gleichzeitig mehr über die Nieren ausgeschieden. Auf Dauer kann dies zu Problemen führen, insbesondere bei älteren Frauen nach der Menopause, bei denen die Knochensubstanz bereits ausgedünnt ist.

Die Auswirkung von Stress auf das Reproduktionssystem

Bei Stress wird das männliche Reproduktionssystem heruntergefahren; der Testosteronspiegel sinkt und es werden weniger Spermien gebildet. Dies passiert auch bei psychologischem und sozialem Stress. Wenn ein Affe im sozialen Rang absteigt, sinkt sein Testosteronspiegel. Auch bei Menschen, die extrem viel Sport treiben, ist der Testosteronspiegel niedriger (während der Glucocorticoid-Spiegel erhöht ist).

Der Autor erklärt, dass Erektionen physiologisch betrachtet sehr kompliziert sind. Leonardo da Vinci war der Erste, der zeigen konnte, dass Erektionen auf einer erhöhten Blutzufuhr basieren. An Erektionen ist der Parasympathikus beteiligt, dann kommt der Sympathikus ins Spiel (die vier Fs). Bei Stress kann es zu allen möglichen Probleme wie z. B. Impotenz kommen. Da diese Probleme ihrerseits selbst Stressoren sind, kann ein Teufelskreis entstehen.

Bei einigen Spezies finden vor der Paarung Kämpfe mit Artgenossen statt. Diese Art von Stress fährt das Reproduktionssystem nicht herunter, sondern aktiviert es.

Stress stört auch die weibliche Reproduktion. Dies ist auch bei Frauen mit sehr niedrigem Körperfettanteil sowie bei Frauen, die sehr viel Sport treiben, der Fall. Der weibliche Organismus möchte nur schwanger werden, wenn er die dafür notwendige Energie aufbringen kann.

Solange eine Frau ihren Nachwuchs säugt, ist die Reproduktion unterbunden. Daran ist das Hormon Prolaktin beteiligt, das ausgeschüttet wird, wenn die Brustwarzen stimuliert werden. Bei Jäger-Sammler-Kulturen, die den Nachwuchs rund um die Uhr alle 15 Minuten säugen, ist dies eine effektive Verhütungsmethode.

Stress kann dazu führen, dass Schwangere ihre Föten verlieren. Bei Tierarten, bei denen ein einzelnes Männchen an der Spitze eines Harems steht, kann ein neues Männchen, das den Harem übernommen hat, die Schwangerschaften der Weibchen abbrechen, indem es Stress auf sie ausübt. Dabei handelt es sich um eine Art Win-win-Situation, da das Männchen alle Jungen, die noch von seinem Vorgänger stammen, nach der Geburt ohnehin töten würde.

Bei mehreren Spezies wurde gezeigt, dass weniger Blut durch den Uterus fließt, wenn trächtige Weibchen in Stress geraten. Das Ungeborene erhält dann weniger Sauerstoff. Vermutlich braucht es einige solcher Ereignisse, bevor das Ungeborene erstickt.

In einem späteren Stadium der Schwangerschaft können die Glucocorticoide, die bei Stress ausgeschüttet werden, auch eine Frühgeburt auslösen.

Sapolsky erklärt, dass unsere Reproduktionsmechanismen insgesamt betrachtet doch erstaunlich stressresistent sind und es einiges an Stress erfordert, um sie lahmzulegen.

Immunität, Stress und Krankheiten

Die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen unserer Psyche und unserem Immunsystem.

Das autonome Nervensystem ist an Gewebe angeschlossen, das Immunzellen enthält, die bei Bedarf in den Organismus ausgeschüttet werden. Außerdem besitzen Immunzellen Rezeptoren für alle möglichen Stresshormone.

In einer interessanten Studie sollten Schauspieler einen Tag lang entweder traurige oder fröhliche Szenen spielen. Anschließend untersuchte man ihr Immunsystem. Diejenigen, die die fröhliche Szene gespielt hatten, zeigten eine stärkere Immunantwort.

Stress kann die Entstehung einiger Krankheiten begünstigen, aber die Stärke des Effekts wird häufig überschätzt.

Wie funktioniert das Immunsystem?

Unser Immunsystem hat die Aufgabe, uns gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten zu schützen. Die Herausforderung besteht darin, eigene Zellen von fremden Zellen zu unterscheiden.

Wir müssen zwischen erworbener und angeborener Immunität unterscheiden. Erworbene Immunität gibt es nur bei Wirbeltieren.

Ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems sind die weißen Blutzellen, zu denen Lymphozyten und Monozyten gehören. Es gibt zwei Sorten Lymphozyten: T-Zellen und B-Zellen, beide werden im Knochenmark gebildet. T-Zellen wandern zum Reifen in den Thymus (dieser sitzt mittig oberhalb der Lunge), während B-Zellen im Knochenmark reifen. B- und T-Zellen gehen auf unterschiedliche Weise gegen Krankheitserreger vor: T-Zellen sind für Zellimmunität verantwortlich und B-Zellen für Antikörperimmunität.

Das Immunsystem ist über den gesamten Körper verteilt. Die Kommunikation erfolgt über sogenannte Zytokine (z. B. Interleukin-1 und Interleukin-2) und Interferone.

Bei der Erkennung von eigenen Zellen und Krankheitserregern kann viel schieflaufen. So entstehen Allergien und Autoimmunerkrankungen.

Wie Stress das Immunsystem stört

Bei Stress sind zahlreiche Immunfunktionen gestört:

  • Es werden weniger Lymphozyten gebildet und ausgeschüttet.
  • Die Synthese von Antikörpern geht zurück.
  • Die Kommunikation zwischen den Lymphozyten ist gestört.
  • Die Thymusdrüse schrumpft.
  • Glucocorticoide lösen den programmierten Zelltod (Apoptose) von Lymphozyten aus.

All das passiert bei jeder Form von Stress und in allen Spezies.

Warum fährt das Immunsystem bei Stress herunter? Sapolsky räumt ein, dass seine ursprüngliche Erklärung, die lautete, dass der Organismus an Langzeitprojekten spart, um mehr Energie im Hier und Jetzt zur Verfügung zu haben, unzutreffend ist. Das Immunsystem wird bei Stress nämlich nicht passiv, sondern aktiv gestoppt.

Tatsächlich wird das Immunsystem in den ersten 30 Minuten nach dem Auftreten eines Stressors sogar aktiviert. Erst nach etwa einer Stunde bewirken die Ausschüttung von Glucocorticoiden und die Aktivierung des sympathischen Nervensystems ein Herunterfahren des Immunsystems. Hier geht es wohl darum, das Immunsystem wieder auf den Ausgangswert herunterzufahren. Nur wenn der Stressor sehr lange anhält, fährt das Immunsystem 40-70 Prozent unter das Ausgangsniveau herunter. Sapolsky spekuliert, dass dies eine evolutionäre Fehlanpassung sein könnte.

Bei Personen, deren Organismus nicht genug Glucocorticoide produziert bzw. ausschüttet, fährt das Immunsystem nach einer Aktivierung durch einen Stressor nicht wieder herunter, was die Entstehung von Autoimmunerkrankungen begünstigt.

Wenn wir häufig kurzzeitigen Stressoren ausgesetzt sind, steigt die Gefahr, eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln. Das Immunsystem schaukelt sich dann sozusagen auf und gelangt immer mehr in Richtung des roten Bereichs. Langanhaltender Stress (oder die Verabreichung von Glucocorticoiden) wirkt sich positiv auf die Symptome einer Autoimmunerkrankung aus.

Chronischer Stress

Sapolsky erklärt, dass unklar ist, wie sehr chronischer Stress das Risiko für Krankheiten erhöht, weil sich so etwas nur sehr schwer wissenschaftlich untersuchen lässt.

Sozialer Support ist sehr wichtig. Je weniger soziale Beziehungen jemand hat, umso kürzer ist seine Lebenserwartung und umso schwerer treffen ihn Infektionskrankheiten. Es handelt sich um einen starken Effekt, der mit dem von Rauchen, Bluthochdruck und Fettleibigkeit vergleichbar ist.

Menschen, die unter Stress stehen, haben in etwa das dreifache Risiko, an einem Erkältungsvirus zu erkranken. Soziale Stressoren, die länger als einen Monat anhalten, erhöhten das Risiko am stärksten.

Bei Stress wachsen bereits bestehende Tumore in Versuchstieren schneller. Und Glucocorticoide beeinflussen die Ausbreitung von Tumoren. Die Anzahl sogenannter Killerzellen, die verhindern, dass sich Tumore im Körper ausbreiten, ist bei Stress reduziert.

Beim Menschen gibt es jedoch nur wenig Evidenz, dass Stress die Entstehung und die Prognose von Tumorerkrankungen beeinflusst.

Die Auswirkung von Stress auf das Gedächtnis

Aufregendes speichert unser Gedächtnis bereitwillig, das gilt auch für stressige Episoden. Doch Stress kann das Gedächtnis auch stören. Sapolsky erklärt, dass milde bis moderate Stressoren von kurzer Dauer das Gedächtnis verbessern, während starke und lang anhaltende Stressoren zu einer Verschlechterung führen.

Stress kann die sogenannte Langzeitpotenzierung (LTP) im Hippocampus, dem Organisator des Langzeitgedächtnisses, beeinträchtigen, auch in Abwesenheit von Glucocorticoiden. Ein hoher Level an Glucocorticoiden begünstigt die Langzeitdepression, einen Mechanismus, der dem Vergessen zugrunde liegt.

Die Sache ist noch nicht eindeutig geklärt, aber es sieht so aus, als ob Stress und/oder eine lang anhaltend erhöhte Ausschüttung von Glucocorticoiden dem Hippocampus sowohl strukturell als auch funktional lang anhaltend schadet.

Die Auswirkung von Stress auf den Schlaf

Bei Schlafmangel werden mehr Glucocorticoide ausgeschüttet, aber der Effekt sei nicht besonders stark. Der Autor weist auf einen Teufelskreis hin: Schlafmangel ist selbst ein Stressor und stört als solcher das Einschlafen. Während wir schlafen, ist die Stressreaktion ausgeschaltet.

Etwa eine Stunde vor dem Aufwachen beginnen die Level von CRH, ACTH und Glucocorticoiden zu steigen. Diese Stresshormone beenden den Schlaf. Wenn wir wissen, dass wir ausschlafen können, findet die Aufwachreaktion statt, sobald wir ausreichend geschlafen haben. Wenn wir wissen, wann unser Wecker klingelt, dann stellt sich unser Gehirn darauf ein und zieht die Aufwachreaktion entsprechend vor. Problematisch wird es, wenn wir nicht genau wissen, wann wir geweckt werden. In diesem Fall ist die Schlafqualität sehr schlecht.

Warum ist psychologischer Stress stressig?

Die Stressreaktion ist keine Alles-oder-nichts-Reaktion. Der Organismus weiß sehr genau, wie sehr die allostatische Balance von einem bestimmten Stressor gestört werden wird. Entsprechend ausgewogen fällt die Stressreaktion aus.

Psychologische Faktoren können die Stressreaktion modulieren. Und da sie dazu in der Lage sind, können sie auch selbst eine Stressreaktion auslösen bzw. aktiviere.

Ratten, die die Möglichkeit haben, auf einen Stressor zu reagieren – zum Beispiel, indem sie etwas fressen, trinken oder sich in einem Laufrad austoben –, entwickeln weniger Magengeschwüre als Ratten, die dem gleichen Stressor ausgesetzt sind und keine Reaktionsmöglichkeit haben. Auch bei uns Menschen sind die Auswirkungen von Stress weniger gravierend, wenn es ein Ventil gibt.

Ein solches Ventil ist die sogenannte Gewaltverschiebung. (Was genau dahintersteckt, erklärt Joachim Bauer in seinem sehr zu empfehlenden Buch Schmerzgrenze, das ich hier zusammenfasst habe.)

Auch das soziale Umfeld ist ein Modulator der Stressreaktion. Wenn wir Stress erleben, während Fremde dabei sind, fällt die Stressreaktion stärker aus; wenn aber unsere Freunde dabei sind, dann erleben wir eine weniger intensive Stressreaktion.

Bei Primaten erlebt die gesamte Horde mehr Stress, wenn die Dominanzhierarchie instabil ist. Wenn die Verhältnisse geklärt sind, profitieren alle Beteiligten, auch wenn diejenigen, die unten in der Hierarchie stehen, natürlich mehr Stress erleben als diejenigen, die an der Spitze stehen.

Bei Menschen, die sozial isoliert sind, ist das sympathische Nervensystem überdurchschnittlich aktiv, weshalb das Herzinfarktrisiko um das Zwei- bis Fünffache erhöht ist.

Vorhersagbarkeit macht Stressoren weniger stressig. Wenn es einen Hinweisreiz gibt, der den Stressor zuverlässig ankündigt, wissen wir, wann es stressig wird und auch wann es nicht stressig wird. Auch Informationen über den Stressor und wie lange dieser anhalten wird, helfen.

Auch in Abwesenheit jeglicher Stressoren triggert Unvorhersagbarkeit die Stressreaktion. Unvorhersagbarkeit scheint selbst ein Stressor zu sein. Eine Erklärung lautet: Wenn wir Informationen über die Stressoren haben, können wir unsere Coping-Strategie besser planen. Vage Ankündigungen verschlimmern die Situation.

Coping-Strategien helfen nur dann, wenn wir sie freiwillig durchführen. Wenn wir stattdessen gezwungen werden, erhöhen Coping-Strategien den Stress.

Das Gefühl von Kontrolle hilft ebenfalls. Obwohl Flugreisen nachweislich sicherer sind als Autofahrten, haben mehr Menschen Angst vor dem Fliegen. Der Grund: weniger Kontrolle. Auch ein Job, in dem wir keine Kontrolle über die Prozesse haben, stresst uns mehr als ein Job, bei dem wir die Prozesse kontrollieren können.

Die Abwesenheit von Kontrolle und Vorhersehbarkeit kann auch eine gute Sache sein. Es ist der Grund, warum wir Achterbahn fahren und Horrorfilme schauen. Und eine hohe Vorhersagbarkeit kann die Hölle sein, z. B. bei einem langweiligen Job.

Eine weitere psychologische Variable ist die Wahrnehmung, dass sich die Situation verschlechtert oder verbessert.

Stress und Depression

Sapolsky weist darauf hin, dass das Wort »Depression« im medizinischen Sinne etwas anderes bedeutet als im Alltagsgebrauch. Depressive können keine Freude empfinden – dafür erleben sie mehr negative emotionale Momente. Außerdem fühlen sie sich oft schuldig. Sie interpretieren die Ereignisse in einer ungünstigen Art und Weise, bei der sie selbst schlechte dastehen. Etwas vereinfacht gesprochen kann man sich eine Depression so vorstellen: Der Cortex denkt einen abstrakten negativen Gedanken und schafft es, den Rest des Gehirns davon zu überzeugen, dass es sich um einen realen physischen Stressor handelt. Die Wahrnehmung ist ebenfalls verändert: Depressive nehmen Negativität stärker und Positivität schwächer war.

Depressive essen und schlafen oft weniger – sie wachen morgens extrem früh auf und können nicht mehr schlafen. Die Schlafphasen geraten auch durcheinander.

Depressive haben erhöhte Level an Glucocorticoiden. Dies liegt daran, dass sie innerlich am Kämpfen sind. Auch die Amygdala scheint hyperaktiv zu sein.

Es gibt verschiedene Formen von Depressionen, die auch biologisch verschieden einzustufen sind.

Medikamente, die bei Depressionen helfen, erhöhen die Level an Noradrenalin, Serotonin und Dopamin im synaptischen Spalt.

Depressionen haben auch eine genetische Komponente.

Im Vergleich zu anderen Krankheiten, an denen das Immunsystem nicht beteiligt ist, erkranken Menschen mit Autoimmunerkrankungen häufiger an Depressionen.

Stress scheint an der Entstehung von Depressionen beteiligt zu sein. Wenn wir gestresst sind, fällt es uns schwerer, Freude zu empfinden. Glucocorticoide haben den gleichen Effekt.

Der Einfluss der Persönlichkeit auf Stress

Wenn wir in einer bestimmten Situation das Gefühl haben, dass wir über Ausdrucksmöglichkeiten, Kontrolle und vorausschauende Informationen verfügen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Stressreaktion geringer. Ob wir dieses Gefühl haben oder nicht, hängt mit unserer Persönlichkeit und unserem Temperament zusammen.

Wie wir mit psychologischen und sozialen Stressoren umgehen, hat einen großen Einfluss. Bei Pavianen, die sich von unbedeutenden Situationen bedroht fühlen, ist der Glucocorticoid-Spiegel doppelt so hoch wie bei Pavianen, die besser differenzieren können. Bei Pavianen, die nicht erkennen können, ob eine Auseinandersetzung gut oder schlecht für sie ausgegangen ist, ist der Glucocorticoid-Spiegel ebenfalls höher. Die Herausforderung besteht wohl darin, von den richtigen Stressoren in der richtigen Intensität und für die richtige Dauer gestresst zu sein.

Stress und Armut

Stressoren wie Armut gehen über einzelne Ereignisse hinaus und können chronischen Stress verursachen. Auch unsere Stellung in der Gesellschaft wirkt sich auf unser Stressniveau aus.

Armut kommt mit zahlreichen physischen und psychischen Stressfaktoren einher. Arme Menschen arbeiten häufig unter prekären Bedingungen und in Berufen, die körperlich anstrengend sind. Sie haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, den Stress im Rahmen von Urlauben und/oder beim Ausüben von Hobbys abzubauen.

Bei Armut ist das Risiko für stressbedingte Krankheiten erhöht. Dieser Effekt hält auch dann an, wenn man der Armut entkommen konnte. Eine Studie an älteren Nonnen, die in jungen Jahren ins Kloster eingetreten waren, hat gezeigt, dass die Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen sind, ihren Gesundheitszustand im Alter beeinflussten. Die Tatsache, dass sie zuletzt 50 Jahre lang unter den exakt gleichen Bedingungen gelebt haben, konnte die Bedingungen, die sie in jungen Jahren erlebt hatten, nicht ausgleichen.

Sapolsky erklärt, dass es nicht so sehr darum geht, ob man objektiv betrachtet arm ist, sondern ob man sich arm fühlt. Studien, die in den reichen Gegenden der Welt durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass das Stressniveau nach dem Erreichen eines gewissen Lebensstandards nicht mehr vom Kontostand beeinflusst wird, sondern nur noch davon, wie man im Vergleich zu den Menschen in der Nachbarschaft abschneidet.

Stress und Einkommensungleichheit

Eine hohe Einkommensungleichheit in einer Gesellschaft wirkt sich negativ auf den Gesundheitszustand aller Beteiligten aus. Auch die Reichen sind gestresster, da der soziale Zusammenhalt gemindert ist und sie das Gefühl haben, sich in bewachten Wohnanlagen und ihre Kinder in Privatschulen abschotten zu müssen.

Die USA sind ein wohlhabendes Land mit großer Einkommensungleichheit. Die Sterblichkeitsrate ist deutlich höher als im benachbarten Kanada, das ärmer, aber egalitärer ist.

Sapolsky erklärt, dass es bei armutsbedingtem Stress um mehr als nur darum geht, nicht genug Geld zu haben, um über die Runden zu kommen. Es geht auch darum, in einer Gesellschaft zu leben, die Menschen zurücklässt und Feindseligkeit, Misstrauen und Kriminalität fördert. Darunter leiden die Armen und Reichen gleichermaßen.

Stress managen

Nachdem der Autor fast 400 Seiten lang über die negativen Auswirkungen von Stress aufgeklärt hat, kommt er im letzten von insgesamt 18 Kapiteln auf die Themen Coping und Stressmanagement zu sprechen. Was können wir tun, um weniger unter Stress zu leiden?

Sapolsky erklärt, dass unsere Gesundheit mit zunehmendem Alter im Durchschnitt schlechter wird, es aber auch Individuen gibt, bei denen es sich umgekehrt verhält. Wir Menschen sind sehr unterschiedlich darin, wie psychisch und körperlich mit Stress umgehen. Unter Stress zu degenerieren ist kein unausweichliches Schicksal.

Was machen diejenigen, die weniger unter Stress leiden, anders? Zunächst einmal hatten sie keine armen Eltern. Außerdem ist es vorteilhaft, im Alter respektiert und gebraucht zu werden. Alte Paviane, die sich im mittleren Alter keine Feinde unter den Jüngeren gemacht hatten, hatten es im Alter besser als Paviane, die jüngere Artgenossen schlecht behandelt hatten.

Nicht nur Stressfaktoren lassen sich in die Schubladen physisch und psychisch bzw. sozial einsortieren, sondern auch Coping-Strategien. Generell möchten wir bei physischen Stressoren eine Stressreaktion erleben, aber nicht bei psychologischen und sozialen Stressoren.

Die als psychologisch einzuordnende Coping-Strategie Hoffnung scheint ein zweischneidiges Schwert zu sein: In einer Studie wurden Eltern untersucht, deren Kinder an Krebs erkrankt waren. Einige Eltern hatten enorm viele Stresshormone im Blut und bei anderen war das nicht der Fall. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass sich die weniger gestressten Eltern um weniger schlimme Dinge sorgten. Zum Beispiel fürchteten sie nicht, dass ihre Kinder in ihrer Abwesenheit sterben könnten, sondern dass zum Beispiel die Krankenschwester vielleicht keine Zeit hat, eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Leugnung der Krankheit war auch ein Faktor, der niedrige Stresslevel zur Folge hatte. Eltern, die die Krankheit ihrer Kinder religiös rationalisierten, indem sei z. B. glaubten, dass Gott sie testen wolle, waren ebenfalls weniger gestresst.

Die Besonderheit dieser Studie war, dass schließlich alle Kinder gestorben sind. Und nach dem Tod der Kinder erlebten diejenigen Eltern den größten Stress, die zuvor am wenigsten gestresst waren. Dies zeigt, dass unbegründete Hoffnung keine Lösung ist.

Sapolsky erklärt, dass diese Faktoren und Coping-Strategien Studien zufolge gegen Stress helfen können:

  • Sport/Bewegung: Sport und andere Arten von körperlicher Bewegung sind ein hervorragendes Mittel gegen Stress. Das Risiko für diverse Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Wahrscheinlichkeit, dass Stress diese Krankheiten verschlimmert, wird deutlich reduziert. Bewegung verbessert außerdem die Stimmung (aber nur für während der ersten paar Stunden danach). Schließlich gibt es Hinweise darauf, dass Sport die Stressreaktion auf verschiedene psychologische Stressoren verringert. Sport hilft aber nur, wenn man Sport treiben möchte. Gegen den eigenen Willen Sport zu treiben, ist kontraproduktiv.
  • Kontrolle und Vorhersagbarkeit: Kontrolle und Vorhersagbarkeit können gegen Stress helfen, aber die Sache hat mehrere Haken. Ein Überfluss an Informationen kann selbst stressig sein. Wenn wir glauben, alles kontrollieren zu können, kann das auch dazu führen, dass wir glauben, an etwas Schuld zu haben, für das wir gar nichts konnten, z. B. eine Krankheit. Faustformel: Je katastrophaler ein Stressor ist, umso schlimmer ist es zu glauben, dass man eine gewisse Kontrolle über das Ergebnis hatte. Ein Gefühl der Kontrolle funktioniert am besten bei leichteren Stressoren. Zu glauben, dass man die Kontrolle über das eigene Schicksal hat und dass man alles erreichen kann, wenn man nur hart genug arbeitet, ist nur dann vorteilhaft, wenn es der Wahrheit entspricht. Wenn es nicht stimmt, dann ist es schädlich.
  • Sozialer Support: Sozialer Support macht Stressoren weniger stressig. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Sozialer Support ist nur dann hilfreich, wenn er von den richtigen Menschen kommt. Die falschen Menschen können die Situation sogar noch schlimmer machen. Eine der stärksten stressreduzierenden Qualitäten sozialer Unterstützung ist oft die Tatsache, dass man soziale Unterstützung gibt, dass man gebraucht wird.
  • Ventile: Ein Ventil, das leider ziemlich gut funktioniert, ist die Gewaltverschiebung. Mit diesem Thema befasst sich das sehr zu empfehlende Buch Schmerzgrenze von Joachim Bauer, das ich hier zusammenfasst habe.

Diese Faktoren im Alltag zu implementieren ist aber alles andere als einfach. Wir dürfen nicht schlussfolgern, dass die Lösung zur Bewältigung und Reduzierung psychologischer Stressoren immer darin besteht, mehr Kontrolle, mehr Vorhersehbarkeit, mehr Möglichkeiten und mehr soziale Erleichterung zu haben. Diese Grundsätze der Stressbewältigung funktionieren nämlich nur unter bestimmten Umständen und nur für bestimmte Arten von Menschen mit bestimmten Arten von Problemen.

Es ist nett, wenn Schüler im Rahmen eines Projekts alte Menschen im Altersheim besuchen. Aber wenn sie irgendwann nicht mehr zu Besuch kommen, fallen die alten Menschen in ein Loch, das noch viel tiefer ist als dasjenige, in dem sie am Anfang steckten.

Hilft Meditation gegen Stress?

Bei regelmäßiger Anwendung scheint Meditation den Glucocorticoid-Spiegel zu senken und den Tonus des Sympathikus zu erhöhen. Studien haben dies an Meditierenden nachgewiesen (während diese meditierten). Unklar ist, ob die Wirkung nach dem Meditieren lange anhält. Außerdem sind viele Studien methodisch schlecht gemacht und es gibt viele verschiedene Arten von Meditation.

Helfen Religion und Spiritualität gegen Stress?

Religion kann sehr gut dazu geeignet sein, Stressfaktoren zu reduzieren. Auf der anderen Seite löst Religion oftmals selbst Stress aus.

Worauf es letztlich ankommt …

…, ist kognitive Flexibilität, d. h., dass wir die richtige Coping-Strategie zum richtigen Zeitpunkt wählen. Bei einigen Stressoren können verschiedene Coping-Strategien zum Einsatz kommen. Es kann schon helfen, sich einzugestehen, dass man emotional unter einem Stressor leidet.

Menschen unterscheiden sich in den Coping-Strategien, zu denen sie gewohnheitsmäßig greifen. So neigen Frauen im Durchschnitt eher zu einem emotions- und/oder beziehungsbasierten Bewältigungsstil, während Männer zu problemlösenden Ansätzen tendieren. Weder das eine noch das andere ist grundsätzlich besser, denn verschiedene Coping-Stile funktionieren in verschiedenen Situationen.

Wenn unsere Strategie nicht funktioniert, neigen wir dazu, die Dosis zu erhöhen. Das klappt zwar manchmal, aber nur selten. Zwar ist es in dieser Situation oftmals schwierig, andere Wege zu erkenne, aber genau das brauchen wir einer solchen Situation: einen anderen Ansatz.

Sapolsky erklärt, dass sich 80 Prozent der Stressreaktion bereits mit den Ersten 20 Prozent der Anstrengung erreichen lassen, die oftmals nur darin besteht, zu entscheiden, etwas zu tun.

Fazit

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